/On Kawaras letztes Date Painting

Mein Essay „On Kawaras letztes Date Painting“ wurde jetzt veröffentlicht:

TEXTEM Kulturmagazin / Texte und Rezensionen, Textem Verlag  Hamburg.

Hier geht´s zum Text.

/wie gut es mir geht – eine feststellung

ich musste nicht mit napoleons truppen durchs eisige russland stand bisher nie auf einer liste mit todeskandidaten wurde nie zu den leprösen in ihre kolonien geschickt musste keinen gelben stern an meiner Kleidung tragen hatte bisher immer genug wasser zu trinken musste nie den anblick von hingerichteten ertragen habe mich nicht vor dem großinquisitor rechtfertigen müssen war nicht an der front während des irakkrieges habe nie als pestarzt praktiziert wurde bisher nie in einen bandenkrieg verwickelt lag nicht vor ypern im giftigen gas wurde bisher keinem verhör und keiner folter unterzogen hatte bis heute keine begegnungen mit gefährlichen glatzen musste nicht in die augen der ssoffiziere blicken gehöre bisher nicht zu den wegen ihrer meinung verfolgten habe nie für lebensmittelrationen anstehen müssen werde mit leichen aus massengräbern nur im tv konfrontiert war bisher nie das opfer eines tsunamis muss nie den abwurf einer atombombe befehligen wurde bisher nicht von granatsplittern getroffen musste bis dato nie in den lauf einer pistole blicken war bis jetzt nicht einer tödlichen strahlung ausgesetzt habe nie an einem erschießungskommando teilnehmen müssen war bis heute nie der willkür einer diktatur unterworfen weiß nur aus der zeitung von der existenz von todesschwadronen musste nie die opfer einer katastrophe identifizieren stand nie einem killer der mexikanischen drogenmafia gegenüber bin bis jetzt nie einer wilden bestie begegnet komme nicht als retter in einem erdbebengebiet zum einsatz musste bisher nicht durch eine feuerhölle gehen kenne todbringende seuchen bis jetzt nur aus den nachrichten wurde nie in einem viehwaggon in ein lager verschleppt war nie das opfer eines angriffes mit napalm musste bisher nie den lärm einer flugabwehrkanone ertragen wurde bis heute nie wegen meiner hautfarbe bespuckt werde nie die lebensrettende operation eines kindes durchführen müssen musste bis heute mein land nicht verlassen

(veröffentlicht in: SIGNUM – Hefte für Literatur und Kritik, Ausgabe 1 / 19, Dresden 2019)

/Lesung im Autorenforum Berlin

11. Februar 2019, 20 Uhr, Schwartzsche Villa Berlin-Steglitz: Ich stelle meine Erzählung „Die Blendung“ den kritischen Gästen des Autorenforums Berlin vor.

(Foto: privat)

/die innere stadt, in: HIEB – Ganz Wien in einem Magazin

in der herzgruft schlägt die stunde der wahrheit

jetzt wirft die burenwurst lange schatten und

ein mann ohne alter erinnert sich an eine jugend ohne gott

woher nehmen wenn nicht stehlen fragt der blinde bucklige und

der dozent für festkörperphysik verzweifelt über seinen atomkernen

ungehobelte kutscher auf betrunkenen gäulen ziehen einer sopraneuse das fell über die ohren und

ein tumber tor hält sich für dante oder einen hummer oder für sonstwas

irgendeiner erzählt geschichten aus dem wienerwald währenddessen

nähert sich ein strauchdieb einem flatterhaften wesen in lila

im katasteramt zuckt verzweifelt vergessenes neon

vor sich hin starrend redet einer müde über glaube liebe hoffnung

jedenfalls hocken sie alle wieder im bräunerhof verrauchte geschöpfe huren hie und da

kasimir ruft karoline sie hört ihn nicht wer weiß warum

drüben schwadroniert ein recht seltsamer herum und

ein weißrotgestreifter zwergpinscher beschwert sich über gott und die welt na und wer will das wissen

vor dem ambassador wechselt geld zweifelhafter herkunft den besitzer

über dem heldenplatz verdächtige stille nur das pochen vergangener zeiten irgendwo im kopf

der ewige spießer ist wieder unterwegs ein kind unserer zeit ja doch

in den trafiken wird gezänkt und misanthropisch herumgepiefelt

ein schwarzer herr aus burundi verkündet endlich die zeit der magie

in einer musikalienhandlung geraten zwei fdur aus den fugen

in modernden gewölben herrscht ewiger friede jedenfalls

verspielt ein mann aus gutem hause seinen ruf in einer roten bar ohne hinterausgang mit frauen in silbernen röcken

eine elevin mit besten manieren schwänzelt durch das verwelkte rosarium im volksgarten soll sie soll sie doch

vor der pestsäule steigen die neuesten gerüchte empor

ein chasside glättet die falten seines kaftans und

beim palais pallfy wartet das mädchen aus der registratur auf einen höheren beamten ungeduldig verbotene liebe

junge falter lassen ihr leben im licht der straßenlaterne

die kuppel von maria am gestade spiegelt sich im grauen fluss und

tauben vergiften den park dazu

wiener bonzen wohin man schaut siehe da

ein mann ohne eigenschaften tarockiert mit einem blauen portugieser aber

die letzten tage der menschheit sind fern und

in einer mokkatasse mit goldrand lächelt obers weißgelb

wittgensteins neffe wirr wie immer spricht mit sich selbst

eine weithin bekannte diseuse verfällt einem schwerenöter von format

ein mann der theorie sucht nach einer erklärung für alles

der glöckner von st peter kriecht aus seinem verlies zählt nachtschwarze vögel

und tief unten in der gruft zittern bleichlich die gebeine

(veröffentlicht in: HIEB – Ganz Wien in einem Magazin, Nr. 2 / Winter 2018)

/ElFriede

Du hast uns nichts als Unfrieden gebracht!

Du musst immer alles zur Sprache bringen!

Du lässt den Toten ihre Ruhe nicht!

Du störst ständig unsere Kreise!

Du spielst mit unseren Errungenschaften!

Du verhext unsere Jugend!

Du bringst Chaos in unser Leben!

Du bist eine hemmungslose Pornografin!

Du setzt uns Dinge vor, die wir nicht verstehen!

Du machst dich über uns lustig!

Du verbietest uns, deine Werke aufzuführen!

Du legst den Finger in unsere Wunden!

Du zwingst uns dazu, hinzuschauen!

Du verdirbst uns in einem fort den Spaß!

Du hältst uns dauernd den Spiegel vor!

Du machst uns lächerlich vor den Augen der Welt!

Du nimmst uns unsere Illusionen!

Du kannst die Dinge nie ein für allemal ruhen lassen!

Du bist eine Brandstifterin, ein Feuerteufel!

Du liebst es, unsere Mythen zu entzaubern!

Du beschmutzt unser Nest!

Du wirbelst mächtig Staub auf!

Du hast an allem etwas auszusetzen!

Du kannst dich nicht mit uns arrangieren!

Du kommst ständig mit neuen Vorwürfen daher!

Du willst nur Unruhe stiften!

Du kannst nie den Mund halten!

Du bringst unsere Vorstellungen ins Wanken!

Du stößt uns mit der Nase auf Dinge, von denen wir nichts wissen wollen!

Du irritierst uns mit künstlerischen Zumutungen!

Du gehst keinem Disput aus dem Weg!

Du lässt nichts, aber auch gar nichts aus!

Du stößt unsere Heiligen von ihren Sockeln!

Du hältst dich an keine Regeln und Vorschriften!

Du suchst ständig die Konfrontation!

Du musst dich überall einmischen!

Du hast dich der Blasphemie verschrieben!

Du raubst uns unseren Schlaf!

Du lässt an uns kein gutes Wort!

Du verwirrst uns mit rätselhaften Ergüssen!

Du bist von allen guten Geistern verlassen!

Du lässt deine Wut an uns aus!

Du bringst alles durcheinander!

Du bist eine unerträgliche Giftspritze!

Du erinnerst uns ständig an das, was wir vergessen wollen!

Du hast deine Auszeichnungen nicht verdient!

Du bist ein einziger Skandal!

(für Elfriede Jelinek, veröffentlicht im Themenheft 2018 zum Thema „Frieden“ des Österreichischen Schriftstellerverbandes)

/Soeben erschienen: Das Buch zum Projekt „Science meets fiction“

Mein Beitrag „Eine effektvolle Faser von Mösbauers kariertem Jacket?“ war auf der entsprechenden Ausstellung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Exzellenzcluster Engineering of Advanced Materials, Erlanger Zentrum für Literatur und Naturwissenschaft, zu sehen und ist nun auch Teil der Projektanthologie.

/EINE EFFEKTVOLLE FASER VON MÖSSBAUERS KARIERTEM JACKET?

Beitrag zu „Science meets Fiction“, Ausstellung  und Anthologie zum Wettbewerb EAM – Engineering Advanced Materials, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Es geht um die künstlerisch-literarische Interpretation („Womit könnte man es zu tun haben? Was könnte das sein?“) von Wissenschaftsfotografien aus der Nanotechnologie / elektronenmikroskopische Aufnahmen. Den Autoren wurde ein Pool von mehreren Bildwelten zur Verfügung gestellt, mit denen sie sich literarisch frei auseinandersetzen konnten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine effektvolle Faser von Mössbauers kariertem Jacket? Ein spezifisches Substrat aus Diracs Delta-Distribution? Ein maßgeblicher Term aus der Schwinger-Dyson-Gleichung? Ein loses Segment aus Faradays Käfig? Eine wichtige Säule innerhalb der Yang-Mills Theorien? Ein abgeplatztes Splitterchen aus Einsteins Geige? Ein schwaches Signal des Hertzschen Dipols? Ein signifikanter Abschnitt aus der Bornschen Näherung? Eine elegante Schwingung aus der Lorentz-Transformation? Eine undefinierte Variable aus der Feynman-Kac-Formel? Ein klassisches Phänomen der Landau-Dämpfung? Ein bahnbrechendes Ergebnis aus dem Franck-Hertz-Versuch? Ein kerniges Stückchen von Newtons Apfelbutzen? Ein reaktives Element des Planckschen Wirkungsquantums? Ein klassisches Resultat aus dem Doppler-Effekt? Ein erhebendes Beispiel für das Archimedische Prinzip? Ein energiereiches Häppchen von T’Hoofts Eichboson? Ein blindgewordenes Okular aus Galileis Teleskop? Eine verstörende Mutation des Youngschen Interferenzphänomens? Eine pulsierende Strahlung aus Bardeens Transistor? Ein denkwürdiges Anzeichen für Kopernikus Heliozentrik? Eine eindeutige Konstante aus der Maxwell-Boltzmann-Verteilung? Ein markantes Beispiel für die Auswirkungen des Noether-Theorems? Ein bis dato unbekannter Bauteil der Helmholtzspule? Eine denkwürdige Invarianz in den Lagrange-Formeln? Ein im Licht blitzendes Bruchstück aus Fresnels Linse? Ein klarer Hinweis auf die Heisenbergsche Unbestimmtheitsrelation? Eine der kommunizierenden Röhren Pascals? Ein weithin strahlendes Residuum aus Madame Curies Laboratorium? Eine deutliche Mahnung vor Gilberts Magnetischer Kraft? Ein harter grauer Stoppel aus Röntgens Bart? Ein maßgebliches Axiom aus der Gibbsschen Phasenregel? Eine denkwürdige Botschaft aus der Laplace-Kosmologie? Ein zu erwartendes Resultat aus dem Rutherford-Experiment? Ein herausragender Koeffizient der Fourier-Gleichung? Ein unbekannter Ausschnitt aus Ptolomaeus Almagest? Ein starker Energie-Impuls-Tensor aus der Kaluza-Klein-Theorie? Eine unerwartet aufgetauchte Erscheinung des Bernoulli-Effekts? Eine bezeichnende Duplizität in Cavendishs Gravitationskonstante? Eine unvorhergesehene Interferenz im Carnot-Prozess? Eine plötzliche Verschiebung in der Raleigh-Streuung? Eine neue Vorschrift in Keplers Gesetzen? Eine unerklärliche Entwicklung auf Fermis Pasta-Teller? Eine vektoriale Funktion in der Clausius-Clapeyron-Gleichung? Eine kuriose Folge der Huygensschen Lichtgeschwindigkeitsmessung? Ein kosmisches Strahlen aus dem Mund von Becquerel? Ein veritables Anschauungsobjekt aus Sommerfelds Vorlesungen? Eine unlösbare Interdependenz in der Schrödinger-Gleichung? Eine neuartige Dimension im Hamiltonschen Prinzip? Ein ungewisser Zustand im Bethe-Weizsäcker-Zyklus? Ein neuentdeckter Grundsatz im Jouleschen Gesetz? Eine eigenartige Manifestierung der Voltaschen Säule? Ein reziproker Wert in der Pauli-Gleichung? Ein topografischer Vektor im Debye-Radius? Ein symptomatisches Bild der Kirchhoffschen Strahlung? Ein fast vergessenes Überbleibsel aus Lord Kelvins Gezeitenrechenmaschine? Ein wichtiger Skalar aus der Poincaré-Gruppe? Eine unklare Regel im Ampèreschen Gesetz? Ein angestaubtes Rechenmodell in Bohrs Arbeitszimmer? Ein homogener Koeffizient im Thomson-Effekt? Ein bildhaftes Geschehen in Rabis Kernspinresonanz? Ein positive Interaktion mit Townes Maser? Ein entscheidender Faktor im Higgs-Mechanismus? Eine neu zu evaluierende Einheit im Coulombsche Gesetz? Eine lockere Schraube aus Hawkings Rollstuhl?

Das Projekt.

Bilder von der Natur im 21. Jahrhundert – das müssen nicht mehr nur Bilder von Wäldern, Tieren oder dem Mond sein, sondern können auch Dinge und Lebewesen des Nanokosmos zeigen, ins Auge gefasst durch ein Mikroskop. Was aber würde ein literarisches Mikroskop zum Vorschein bringen? Das ist die Frage der Ausschreibung des Exzellenzclusters Engineering of Advanced Materials (EAM), einem interdisziplinären Forschungsverbund an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), der neuartige Hochleistungsmaterialien erforscht und entwickelt (www.eam.fau.de/).

WissenschaftlerInnen machen Bilder, um zu erklären und zu überzeugen, um abstrakte Modelle zu visualisieren oder um Daten und Verbindungen sichtbar zu machen. Doch ebenso wichtig sind uns die anderen Perspektiven – die der Kunst und Literatur, der Ekphrasis oder des nature writing.

Die heutigen Einblicke und Möglichkeiten, zu verstehen, was im Kleinen verborgen liegt und sich vielleicht einmal als sehr nützlich erweisen wird, faszinieren WissenschaftlerInnen weltweit. „There’s Plenty of Room at the Bottom“ bemerkte schon der Physiker Richard Feynman 1959 in einem visionären Vortrag über neue Technologien auf mikroskopischer Ebene, die seither bereits in vielen Bereichen realisiert sind: in Form von miniaturisierten Computern und Elektronikbauteilen, leistungsfähigeren Solarzellen oder Leichtbauwerkstoffen. Die Möglichkeit, Objekte auf atomarer Ebene zu beobachten und zu gestalten, hat diesen ungeheuren Fortschritt in Naturwissenschaft, Medizin und Technik erst eröffnet, von dem wir alle leben, von dem aber auch neue und noch unbekannte Gefahren ausgehen könnten.

Neues entsteht durch Begegnung – von Partikeln und Materialien, aber von  Menschen und Disziplinen. Im EAM mit seiner Interdisziplinarität wird dies seit 10 Jahren gelebt. Um dieser Philosophie auch in einem neuen Kontext gerecht zu werden, schafft der Exzellenzcluster nun den Kontakt zwischen Wissenschaft, kultureller Öffentlichkeit und Schriftstellern. Wir wollen erfahren, wie die schreibenden KünstlerInnen auf all die neuen Bilder und Einblicke reagieren, die die Natur- und Ingenieurwissenschaften uns bereitstellen.

©Engineering of Advanced Materials (EAM), einem interdisziplinären Forschungsverbund an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU)

Die Ausstellungs- Panele. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Jan Philipp Liebig/FAU Erlangen-Nürnberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Michael Kanofsky, Autor, Berlin

Die Ausstellung.

Die Ausstellung, die von Mitte September bis Ende Oktober 2017 im Kreuz+Quer – Haus der Kirche in Erlangen zu sehen war, stellte die ästhetische Schönheit 16 wissenschaftlicher Bilder aus den Forschungsbereichen des EAM dar und präsentierte dazu literarische Texte, die freie Assoziationen zu den Darstellungen widerspiegelten und Anreiz gaben, seine eigene Fantasie spielen zu lassen.

/Ausnahmezustand

Seit ich unter erheblichen Zwischenhocheinfluß geraten bin, ist nichts mehr wie es war. In meinem Hirn nisten bunte Luftballone. In meinen Ohren klingt unentwegt die Neunte von Ludwig v.B. Mein Blick ist stierig geworden oder glasig, ganz wie Sie wollen. Mein Gang ist watschelnd. Unsicher, geradezu stümperhaft komme ich daher. Meine Zunge hängt mir aus dem Mund. Die Knie zittern. Mit meinen Segelohren sehe ich aus wie ein Dorfdepp. Das Hoch heißt Christina, es ist brunette und mit einer kollossalen Oberweite ausgestattet. Wirklich beeindruckend.

Über Caracas tobt der Taifun. In Vietnam Dürre. In Miami schlottern die Rentner im Eisregen. In Mozambik kommen Heuschrecken vom Himmel. Und in Leobersdorf machen die Schafe dummes Zeug. Gegen die Luftballone könne man nichts machen, sagt der Herr Doktor. Solange es keine blauschwarzen sind, sei nichts zu befürchten, sagt der Herr Doktor. Ich erwarte Tief Peter. Wenn die Kaltfront kommt, verschwinden die Luftballone aus dem Kopf und es ist wieder Platz zum Denken. Im Moment hat allerdings ein heftiger Antizyklon das Sagen. Vergeblich suche ich den Himmel nach Stratocumulus&Co. ab. Nichts. Keine Spur davon. Und in Miami laufen die Leut Schlittschuh! Wie soll man sich unter diesen widrigen Umständen den ungeklärten Fragen der Föhnforschung widmen? Wenn das Packeis schmilzt, haben wir auch im Café Prückel nichts mehr zu lachen. So viel steht fest. Und niemand will sich mehr an die Bauernregeln halten, am allerwenigsten die Bauern selbst mit ihren Steckrüben und Kohlköpfen. In Trinidad hält man Rum für das beste Rezept gegen Klima-Unbill, in Nairobi dürfen die Frauen bei miesem Wetter Seifenopern im TV anschauen, die Herren der Schöpfung rennen derweil ins Puff und kommen krank nach Hause zurück in die Strohhütte, die Inuit versorgen sich mit Robbenfleisch, so lange noch Zeit dazu ist. Katastrophales Wetter in Rheinland-Pfalz: Hagelkörner in Straußeneigröße kommen laut BILD herunter und sorgen für Chaos auf den Straßen. Verabredungen platzen, Termine scheitern, Autos suchen Geborgenheit auf dem Standstreifen. Die Feuerwehr muß ausrücken. Saufen sei jetzt ganz schlecht, sagt der Herr Dottore. Man müsse abwarten. Liebe sei vielleicht zu empfehlen. Lange Spaziergänge. Auf keinen Fall gebe man sich kunsthistorischen oder philosophischen Betrachtungen hin, und unter gar keinen Umständen der Dichtkunst. Als Föhnforscher sei ich ohnehin besonders gefährdet, sagt der Gott in weiß.

An der Wetterstation in Königsberg beziehungsweise Kaliningrad hält man sich kategorisch an keinerlei Vorhersagen. Auf der Zugspitze spielt das Barometer verrückt. Der Hygrometer in Binz auf Rügen ist ausgefallen. Die Diplommeterologin als Ahungslosigkeit in Person. Hauptsache, die Bluse sitzt. Im Beisl bestelle ich mir ein Krügerl und ein Schweinscordon mit allem Drum und Dran. Auf keinen Fall werde ich klein beigeben. Tropisches Reizklima, na und! Her mit dem Blunzengröstl! Die NASA schießt Spezialsatelliten in den Orbit, denen nichts mehr entgeht. In Bejing wischt sich der Große Vorsitzende den Schweiß von der Stirn. Die Wetterfee ist blond und knackig und im vierten Monat.

Im Beisl schwirren die Rauchschwaden wie Cirruswölkchen über der Schank. Ob ein Schnapserl hilft, das Schweinscordon ordnungsgemäß in den Stoffwechsel zu bringen? Der Wirt sagt, wenn der Polarbär seine Heimat verliert, könne auch er seinen Laden hier dicht machen. Das Klima stimme nicht mehr. Weder am Pol noch in Wien-Hernals. Überall Wetterstürze, Störungen, Erwärmungen. Und auf der Hohen Warte feiern sie das Sauwetter mit schweinischen Witzen. Die Prognose sei nicht schlecht, sagt der Herr Doktor. In einer Woche, vielleicht auch in zwei würde alles anders aussehen, sagt der Weißkittelakademiker, zu dem ich nun schon seit 15 Jahren wegen meiner vielen unerträglichen Zipperlein renne. Die Sprechstundenhilfe des Quacksalbers hat ein Gesicht wie ein Wetterfrosch. Im Wartezimmer summt die Klimaanlage. Die Patienten haben dunkle Schweißflecken unter den Achseln. An der Wand ein anatomischer Querschnitt, der für Hypochonder wie mich nicht gerade das Wahre ist. Die ausliegende Presse ist zwei Jahre alt. Diese Monaco-Prinzessin hat auch schon mal besser ausgesehen. Als Föhnforscher steht man immer kurz vor dem Irrsinn. Aber unser Herr Dottore beruhigt. Alles halb so wild. Das Mikroklima wirkt direkt auf die Hypophyse, das sei nun einmal eine erwiesene Tatsache. In Washington tanzen Kinder in einem Brunnen. Ein Hydrant speit Wasser. Ein Rentnerehepaar kollabiert in seinem Wohnwagen in Stockton, Ohio. Der Wirt sagt, wenn das so weiter geht, würde er mit der Kellnerin auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Timbuktu. Onewayticket. Trockenes Wüstenklima. Ungesund zwar, aber immer noch besser als das Klima hier in diesem Land. Mit der Kellnerin hätte er schon gesprochen, sagt der Wirt, und seiner Frau würde er noch rechtzeitig Bescheid geben. Am Abreisetag. Der Umweltminister hält eine Rede vor Klimaexperten. Ja. Nein. Man werde alles tun. Selbstverständlich. Die Werte müssen runter. Die Parameter geändert werden. Vielen Dank, meine sehr verehrten Damen und Herren. Das Schweinscordon liegt schwer im Magen. Noch ein Krügerl, bitte. Die Polkappen sehen gar nicht gut aus im Fernsehen. Das Walroß denkt sich seinen Teil und taucht in tiefere Gewässer ab. Der Eskimo haut seinem Jungen eine runter, weil der schon zum fünften Mal mit der Harpune auf die Großmutter geschossen hat. In Ostbengalen bricht ein Vulkan aus, dessen Namen weder ich noch der Wirt aussprechen kann. Die Kellnerin hat einen strammen Hintern. Keine Ahnung, warum ich ausgerechnet Föhnforscher geworden bin. Ich finde immerhin, die Tätigkeit harmoniert ausgezeichnet mit meinen Segelohren und meinem Watschelgang. Der Wirt stellt einen Ribisellikör auf den Tisch und kneift der Kellnerin in den Hintern. Die Großwetterlage bleibt unverändert, dröhnt es aus dem Radioapparat, und ich mache, dass ich davon komme.

Unter der Schädeldecke stauen sich die Luftballone. Der Mund ist trocken. Die Augen brennen. Das Schweinscordon ist ebenso in Arbeit wie die Auslage des Dessousgeschäftes, an dem ich gerade vorbei komme. Werden diese Bikinis tatsächlich immer knapper? Allerdings paßt der Stringtanga am besten zur jetzt herrschenden meteorologischen Gesamtsituation, sicher besser als mein T-Shirt, das sich unangenehm schweißtreibend auf den mit Schweinscordonbleu gefüllten Bauch preßt. Ob die Wetterfee einen Freund hat? Immerhin soll sie schwanger sein. Sagt man. Die globale Erwärmung ist auch Thema in der Regierungssitzung. In den Regenwälder singen die Kakadus, und die Großgrundbesitzer brennen alles nieder. Ein Wetterexperte aus Italien gibt einen Überblick über die Situation. Tabellen. Schaubilder. Diagramme. Mir schwirrt der Kopf. Vielleicht hilft eine kalte Dusche. Im Kühlschrank gähnende Leere. Das Erdbeermarmelade: verschimmelt. Die Extrawurst: verdorben. Der Almkäse: vertrocknet. Wenigstens ist noch Bier im Haus. Sehen sich diese beiden Wetterfeen wirklich so ähnlich oder handelt es sich um eine optische Täuschung, verursacht durch Hoch Christina?

Im Kaukasus hat das Tauwetter zu Problemen auf den Ölfeldern geführt. Der Vorarbeiter scheißt einen zusammen, der gar nichts dafür kann, und die Bosse der Ölcompany sind stinksauer. Hundewetter. Scheißwetter. Dreckwetter. Und bei uns? Der Wetterdienst spricht von anhaltender Hochdrucklage. Und jeder Föhnforscher sei dazu aufgerufen, an der Lösung des Problems mitzuhelfen. Auf CNN ist das Wetter besser. Da geht es um die ganze Welt, nicht nur um einen geografischen Ausschnitt. Von Adnang-Puchheim nichts zu sehen. Dafür eine hübsche Animation von diesem Taifun in Caracas, der ganze Häuser vom Erdboden gesaugt hat und bereits 300 Menschen auf dem Gewissen haben soll. In einer Turnhalle verzweifelte Gesichter. Es gibt Maisbrei und Wasser. Die Frauen sind besorgt. Die Männer raufen sich die Haare. Wenn der Wirt geht, wo soll ich dann mein Schweinscordon essen? Ob es inzwischen wieder mobile Klimageräte gibt? Vielleicht noch einmal zum Herrn Doktor?

Draußen auf der Straße kein Mensch zu sehen. Staubiger Asphalt. Flirrende Luft. Gleich kommt Gary Cooper um die Ecke. Ich schmeiße eine Aspirin in ein Glas Wasser und warte ab. Ein armer Teufel hat sich in der Bronx mit einem Feuerwehrmann angelegt, der einen offenen Hydranten wieder zudrehen wollte. Wahnsinn. Die sind nicht gerade zimperlich in den Staaten. Zack. Peng. Im Kulturkanal ein Film über ungewöhnliches Wetterleuchten. Und die Wohnung schaut aus wie nach einem Erdrutsch. Eine große Moräne aus Wäschestücken hat sich über dem Sofa ausgebreitet. Auf dem Fußboden Staubmäuse in der Größe geklonter Mutanten. Im Badezimmer sorgen 16 (in Worten: sechszehn) Paar ebenso unsortierter wie ungewaschener Socken für ein Raumklima ganz eigener Art. Der Mülleimer hat frappierende Ähnlichkeit mit jener Müllkippe, die gestern in den Nachrichten präsentiert wurde, nur die Möwen fehlen. Es ist acht Uhr am Abend und noch immer so heiß wie am Mittag. Wenn der Föhn zusammenbricht, werde ich ein Faß aufmachen. Hoffentlich gibt´s das Beisl und den Wirten dann noch und die Kellnerin und die Frau des Wirten. Morgen wird jedenfalls ein Kältespender gekauft. Irgendwo muß ja noch einer aufzutreiben sein.

/Plan.Quadrat. Ein hypothetischer Roman

Bildschirmfoto 2016-01-14 um 17.22.13Im Institut für Quantenmechanik geschieht Seltsames. Newton widmet sich einem Hummer. Eine Laborassistentin macht Quantensprünge. Und Ahorner versteht die Welt nicht mehr.

Plan.Quadrat. Ein hypothetischer Roman von Michael Kanofsky. Jetzt gedruckt und als E-Book. Im Buchhandel zu bestellen und auf Amazon.

/Mein Hörspiel „zukunft, re-visited“ jetzt auch auf CD zum Buch „Hörspielplätze – Positionen der Hörspielkunst“

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Krieg der Welten, Sie leben!, Formicula, The Fog – Nebel des Grauens: Das Hörspiel zukunft, re-visited versetzt uns in die stereotype Welt klassischer und zeit-genössischer utopischer Romane und Filme und beschäftigt sich auf sprachlich-spielerischer Ebene mit den immer wieder kehrenden Topoi solcher Stoffe. zukunft, re-visited versteht sich als Manual für die Produktion, als Bauanleitung für einen utopischen Roman und/oder Film, dessen Basis eben jene Stereotypien sind, die uns bei Genres dieser Art immer wieder faszinieren.

Konzeption, Text, Regie: Michael Kanofsky
Produktion: Tonstudio Holly Wien/Musik: S. Joly
Sprecher: Monika Freisfeld-Pampel, Wolfgang Pampel, Detlef Eckstein, Peter Wolfsberger
Länge: 14,56 Minuten

Das Hörspiel hat den 2. Preis beim Leipziger Hörspielsommer 2007 gewonnen.  Beim Berliner Hörspielfestival 2010 wurde zukunft, re-visited mit dem „Kurzen Brennenden Mikro – 3. Platz“ ausgezeichnet. zukunft, re-visited wurde  jetzt auch in der 20-Minuten-Langfassung  auf einer Sammel-CD zu dem Buch „Hörspielplätze – Positionen zur Hörspielkunst“ (Leipzig, 2011) veröffentlicht.