/Das Fest im Hause der Madame D.

Meinem Freund, dem Vicomte Camusot de Marville zugeeignet

Vor kurzem war ich Gast bei einer obskuren Festivität im Hause der bekanntlich magersüchtigen Madame D. am Rande der Stadt.

Madame D., engagierte Förderin der schönen Künste und der Wissenschaften, hatte eine gewisse Affinität zu kosmologischen Themen und soll früher einmal die Geliebte eines in Unehren entlassenen Konteradmirals gewesen sein.

Wie Sie sich denken können, war das Fest ein außerordentlich kurioses Spektakulum.

Ich stand, wie gewöhnlich, ein wenig abseits, betrachtete das Ganze wie durch ein Schlüsselloch, voller Staunen und Vergnügen.

Illustre Gäste waren geladen, einschließlich meiner Wenigkeit: Philosophen, Wissenschaftler, Sterndeuter, Schauspielerinnen, Alchimisten, Gelehrte jedweder Provenienz, Fürsten, Adlige, die üblichen Statisten, Popanze, Trunkenbolde.

Eigenwillige Persönlichkeiten, charakterlose Individuen, Aufschneider, Taktierer, dubiose Gestalten.

Sozusagen alles, was Rang und Namen hatte, die Haute volée, ein höchstinteressanter Cercle.

Die Gästeliste war in der Tat imposant:

Wittgenstein war geladen und Leibniz und ein Asthmatiker aus Paris sowie

eine alte Fregatte aus Worms, ein stotternder Abt, ein armer Teufel aus Kairo

sowie

Positivisten
Pragmatiker
Phänomenologen
und eine kubanische Zigarren rauchende Existenzialistin

sowie

(logischerweise) Voltaire, Francis Bacon, Thomas Hobbes, Schopenhauer, Kant, diverse Scholastiker, ein paar Bucklige und eine Hysterikern aus Nantes.

Und natürlich auch (wie Sie sich denken können) Pythagoräer, Vorsokratiker, Sophisten, Dialektiker, Logiker und Ästheten

sowie

ein Mann ohne Eigenschaften, ein Mädchen mit romantischen Vorstellungen, tollkühne Akrobaten, so mancher Hasardeur

sowie

drei morphinsüchtige russische Lyriker, allerlei Konkubinen, ein belgischer Schokoladenfabrikant, jede Menge Theoretiker, ein Astronom mit Mundgeruch, Zweifler, Skeptiker, Herätiker, eine beleidigte Prinzessin, der Militär-Attaché von Botswana, Alain Robbe-Grillet, ein Uhrenhändler aus Wien, ein Blödian aus Yorkshire, eine freche Göre aus Limoges, ein bekannter Afrikaforscher, ein Satyr aus Padua, diverse Spielzeugsoldaten und eine Blumenhändlerin aus Genf

sowie

ein abgehalfterter Schönheitschirurg aus Bad Nauheim, äußerst knusprige Elevinnen, ein früherer Heeresminister in Begleitung seines Pferdeknechtes Holler, ein trinkfester Kubist, ein wackerer Landmann, diverse Perverse, ein Herr namens Strobel oder Dobel, ein Wiener Cafetiér und ein anerkannt dämlicher Nichtsnutz und Erbschleicher mit Namen Konsietzky.

Das Fest war geprägt von einer ganzen Reihe seltsamer Vorfälle:

Zwei ausgemachte Halunken kicherten wie Backfische und klopften sich nach Art der Futuristen auf die Schenkel.

Alain Robbe-Grillet spähte durch eine Jalousie und beobachtete eine dunkelhäutige Schönheit, die ein schwarzes, ledernes Hundehalsband trug.

Leibniz hatte jeglichen Sinn für Humor verloren und stolzierte wie ein beleidigter Gockel um Madame D. herum.

Thomas Morus schwärmte von Utopien, aber niemand wollte ihm Glauben schenken.

Der stotternde Abt wollte alles und verstand nichts.

Die alte Fregatte aus Worms hockte auf der sonnenbeschienen Terrasse und kraulte einem nichtsnutzigen Tölpel von Gigolo den Nacken.

Ein Vorsokratiker nahm sich zu wichtig und verfluchte die göttliche Fügung.

Ein blassgesichtiger Kobold trieb Schabernack mit einer barfüßigen Gräfin.

Demokrit entledigte sich der Toga und stellte alles in Frage.

Madame D. turtelte unentwegt mit einem der morphinsüchtigen russischen Lyriker herum, verschwand dann aber mit einer sittlich verdorbenen Soufragette.

Kant nahm das alles sehr gelassen und behauptete kategorisch das Gegenteil.

Holler, der Pferdeknecht des früheren Heeresministers, vergnügte sich im Park mit einer jungen Elevin.

Ein Baron von Sowieso verhielt sich despektierlich und erging sich in unbeschreiblichen Galanterien.

Zum Glück herrschte bestes Wetter, und es gab ausreichend zu trinken.

Die Speisenfolge war, wie Sie sich denken werden, von ausgesuchter Exquisität.

Man begann mit Schnepfen, Schalmaien, Schneblern, Soleiern, Sauringen, Schlonzen, Schabraken, Seeigeln, Siskebap, Scharmützeln, Sandkuchen, Säumlingen

ging über zu

Gurklern, Gänsefüßchen, Gerbera, Haken und Ösen

setzte das Essen fort mit

armen Würstchen, sulzigen Schlagern, gemischten Gefühlen und Bocksbart,

labte sich an hausgemachtem Falafel, gebackenen Löfflern und gedämpfter Stimmung.

Damit nicht genug, überraschte uns Madame D. mit Tortenschlachten, gläsernen Faunen, gesottenen Flossen und ausgekochten Schlitzohren.

Dazu hielt man Maulaffen feil.

Kunststückchen und obszöne Darbietungen aller Art boten den weiteren Rahmen dieser unvergeßlichen Festivität:

Venezianer neckten den Dogen und verkauften rückwärtslaufende Uhren.

Altertumsforscher mit spitzen Hüten verzauberten drei Damen der Gesellschaft.

Kleriker kopulierten, wann und wo sich eine Gelegenheit ergab.

Andere versuchten sich im Minnesang.

Leptosome turnten am Trapez.

Ritter tanzten mit Marktweibern in bunten Röcken.

Lautenschläger zogen frech und ohne jeglichen Respekt über einen netten Semiotiker aus Bologna her.

Hofdamen erzählten Höfisches in der Sprache des gemeinen Volkes.

Assyrische Gaukler verteilten Kopfnüsse.

Ein munterer Täufling erheiterte die Allgemeinheit mit Eulenspiegeleien.

Ein Seltsamer machte ein Affentheater.

Der Dorftrottel gab obszöne Witze zum Besten und machte sich viele neue Feinde.

Ein Schwertschlucker erlaubte sich unbotmäßige Späße und benahm sich (gelinde gesagt) saumäßig.

Zu guter Letzt erlitt Madame D. einen hysterischen Anfall, und das Fest endete gegen vier Uhr am nächsten Morgen.