/wie gut es mir geht – eine feststellung

ich musste nicht mit napoleons truppen durchs eisige russland stand bisher nie auf einer liste mit todeskandidaten wurde nie zu den leprösen in ihre kolonien geschickt musste keinen gelben stern an meiner Kleidung tragen hatte bisher immer genug wasser zu trinken musste nie den anblick von hingerichteten ertragen habe mich nicht vor dem großinquisitor rechtfertigen müssen war nicht an der front während des irakkrieges habe nie als pestarzt praktiziert wurde bisher nie in einen bandenkrieg verwickelt lag nicht vor ypern im giftigen gas wurde bisher keinem verhör und keiner folter unterzogen hatte bis heute keine begegnungen mit gefährlichen glatzen musste nicht in die augen der ssoffiziere blicken gehöre bisher nicht zu den wegen ihrer meinung verfolgten habe nie für lebensmittelrationen anstehen müssen werde mit leichen aus massengräbern nur im tv konfrontiert war bisher nie das opfer eines tsunamis muss nie den abwurf einer atombombe befehligen wurde bisher nicht von granatsplittern getroffen musste bis dato nie in den lauf einer pistole blicken war bis jetzt nicht einer tödlichen strahlung ausgesetzt habe nie an einem erschießungskommando teilnehmen müssen war bis heute nie der willkür einer diktatur unterworfen weiß nur aus der zeitung von der existenz von todesschwadronen musste nie die opfer einer katastrophe identifizieren stand nie einem killer der mexikanischen drogenmafia gegenüber bin bis jetzt nie einer wilden bestie begegnet komme nicht als retter in einem erdbebengebiet zum einsatz musste bisher nicht durch eine feuerhölle gehen kenne todbringende seuchen bis jetzt nur aus den nachrichten wurde nie in einem viehwaggon in ein lager verschleppt war nie das opfer eines angriffes mit napalm musste bisher nie den lärm einer flugabwehrkanone ertragen wurde bis heute nie wegen meiner hautfarbe bespuckt werde nie die lebensrettende operation eines kindes durchführen müssen musste bis heute mein land nicht verlassen

(veröffentlicht in: SIGNUM – Hefte für Literatur und Kritik, Ausgabe 1 / 19, Dresden 2019)


 
 
 

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