/was soll ich lesen?

Was?

soll?

ich?

lesen?

Ja: was nur? Hier und heute: vor diesem illustren Publikum?

Vor Ihnen: den mit Papier und Bleistift und Literaturverstand bis unter die Brillengläser bewaffneten Kritikern?

Was habe ich denn im Angebot?

Was verdient, hier und jetzt vorgetragen zu werden?

Was ist noch nicht in den Papierkorb gewandert? Diesem gierigen Schlund für seitenweise begrabene Hoffnungen?

Was habe ich zu bieten?

Was geschrieben?

Was steckt drin in meinem literarischen Köcher?

Was ist wert, den hier versammelten Schriftstellern präsentiert zu werden?

Diesem offenen Forum unter die Augen zu treten, im fahlen Schein der krummgebeugten Lampe?

Was gibt mein Schreibtisch her? Und was mein Kopf?

Was kann ich hervor zaubern aus den Untiefen der Schubfächer und der Kästen?

Zettel.

Entwürfe.

Gekritzel.

Halbfertiges.

Anfänge.

Schund und Mist.

Oder was?

Und da liegt ja auch schon ein hübscher Text vor mir: eine Dystopie, so nennt sich das wohl, die ersten Seiten vom ersten Kapitel: darin werden Kriege geführt um das Kostbarste: das Wasser, es herrscht Endzeit, und die Menschen huschen geduckt durch staubige Städte, Wort für Wort, Zeile für Zeile, Seite für Seite gerate ich in unbekannte Welten hinein, verirre mich allerdings schon sehr bald, ob das wohl etwas ist, was ich lesen sollte? hier und heute? doch eher nicht.

Nun: vielleicht doch lieber eine Kurzgeschichte? wie eine von Böll? von Kunert? von Poe? oder gleich a modern short story á la Hemingway? Mit eleganten Frauen an den Tischchen der Straßencafés in der Rue de Rivoli und traurig blickenden Stieren mit blutigen Leibern? Mit Freiheitskämpfern vor Madrider Kathedralen und graugesichtigen Juntaoffizieren?

Oder besser ein Kapitelchen aus meinem Tatsachenroman über das Schicksal einer Kieler Sprotte im gepunkteten Reifröckchen? Ein hübsches Mädchen war das: ein wenig vorlaut hielt sie ihr Näschen in den steifen Ostseewind hinein. Damals: Weimarer Republik und so. Warum nur musste sie so jung sterben?

Was soll ich lesen?

Was nur?

Vielleicht die Kafka-Paraphrase? Ja! Die Kafka-Paraphrase! Düster und rätselhaft, das Ganze ein wenig tuberkulös, schwindsüchtig: hörst du das kehlige Husten des Kranken in seiner Bettstatt? Die Verwandlung2.0? Eine moderne Geschichte des Herrn K.?  Prag. Berlin. Und ein Sanatorium unweit von Wien. Das sind die Schauplätze meines Tausendseitenopus, das seit Jahr und Tag vor sich hin dümpelt, parabelhaft, ohne dass ein Weiterkommen in Sicht wäre. Dabei wäre es die Sache wert. Aber wie weiter? Wie weiter?

Nun dann: ein Kriminalroman! Mit Plot und Figuren und Handlungslogik und allem Pipapo. Filmreif vom Protagonisten bis zum point of no return. Das wäre doch was für einen dekorativen Hochglanzstapel in Frankfurt oder Leipzig! Und ideal zum Vortrag zu bringen. Aber ist dies Genre wirklich dein Fach? Du fragst dich das und kratzt dich am Kinn: nachdenkend.

Jetzt aber drängt sich der Anfang eines Schauerromans auf: da fahren die Postkutschen durch knorrige Wäldchen, und in den Verliesen dürsten sie nach Licht und Leben. Es kommen vor allem Friedhöfe und Grüfte und halbverfallene Schlösser darin vor. Schatten und Lord Byron. Ein schnurbärtiger Marquis zückt das Schwert und springt auf seinem Gaul davon. Das Mädchen, das er liebt, ist in den Fängen eines grauenvollen Grafen aus Litauen!

Auch eine Familiengeschichte liegt vor. Traurig. Mit Bergen-Belsen und Gestapo. Ein Kapitel daraus? Flucht und Vertreibung und ein Neuanfang in einer großen Stadt?

Es empfehlen sich zudem: ein Nachruf zu Lebzeiten, eine prosahafte Annäherung an Heinrich Mann, ein ETA Hofmann-Verschnitt sowie die kuriosen Memoiren eines Irren (sechzig Seiten, eng beschrieben, wirklich sehr eng und in winziger Schrift).

Oder: ein Kurzroman nach Manier des verzettelten Herrn Schmid, dem Arno aus Bargfeld: Seelandschaften müssen da sein und ein paar versoffene Kriegsversehrte, Heimkehrer aus dem WK Zwo: aber er wäre schwer zu lesen dieser Text: voller Klammern Einschübe Querverweise Zitate. Ich lass das lieber, versuche mich an etwas anderem:

Eine Lovestory z.B. Mit gepfefferter Erotik, wie das ja en vogue ist derzeit. Die Herren tragen feinen Zwirn aus Mailand, sündteure Budapester und Zorromasken. Die Lippen der Frauen sind voll und rot. Ein wenig gepeitscht wird auch in diesem erregenden Abenteuer, das versteht sich von selbst.

Was soll ich lesen?

Was nur?

Erinnerungen: in Prosa gegossen. Zum Beispiel. Das wär doch was. Erzählt mit der gebotenen Künstlichkeit, sonst wird´s bloß Kitsch. Du gehst weit zurück. Uferst aus. Schreibst erst mit Kinderaugen, dann aus Vaters Sicht und Mutters Perspektive. Das ist wie diese sepiafarbenen wurmstichigen Fotos in ihren ziselierten Rähmchen. Eine Geschichte. Eine Erzählung. Von Anfang bis zum Ende. Oder rückwärts erzählt? Hintenrum und mit verschiedenen Ebenen? Aber Achtung: vergiss nie die Einheit von Zeit und Raum. Und denke immer an den guten Tschechow: Kommt eine Pistole vor, so muss sie auch verwendet werden! Wie wahr.

Oder etwas in der Art der Petersburger Dichter? die mit bleichen Gesichtern unrasiert in ihren schummrigen Buden hocken, mit der Miete natürlich wieder um Monate im Rückstand bei der schimpfenden Hauswirtin, ein Novellchen vielleicht, darin es um die verschmähte Liebe eines jungen Mannes zu einer Dame der Gesellschaft geht, er hat sein Erbe durchgebracht und immense Spielschulden. Erzählt wird dies alles vor den lackblauen Himmeln über dem stolzen Newafluss, das wäre doch wunderhübsch zu lesen, nicht wahr?

Was hättest du denn noch zu bieten?

Denke doch einmal nach.

Vielleicht dein kunstreiches Imitat eines Nouveau Roman? etwas spröde und immens deskriptiv, gefordert ist die totale Subjektivität, das Festhalten des Moments, Verdinglichung, Gegenständlichkeit, die Konzentration auf Ort und Struktur und so weiter, aber das wird dir nicht gelingen, das wird nichts, das ist zu komplex, dies zu schreiben, dies zu lesen dann, und das Publikum hier würde dein Werk wohl nur ermüden.

Also doch lieber der ganzganzgroße Wurf: in der Art von Dickens! wie Bleak House etcetera pp. Eine Wüste aus Blei, aber voller Leben! Den ersten Satz, den habe ich schon: An einem Dienstagmorgen, es war Frühherbst und in den Parks von Winchester zeigten sich die Bäume schon gelb und rot, trat ein schlanker Herr aus einem windschiefen Haus auf die Gasse hinaus. Er schwang sein Spazierstöckchen und schritt munter aus. Der Mann, er trug einen schwarzverknautschten Deckel auf dem Kopf, wandte sich in Richtung der Platanenallee und grüßte den einen oder anderen der Vorüberkommenden. So weit, so gut, das klingt nicht schlecht: aber wie geht´s nun weiter mit dem Romanwerk? Zum Lesen ist´s für heut zu wenig, und bis der Roman denn einmal fertig ist, dürften wohl noch einige Jährchen ins Land gehen. Ob ich wohl die Zeit dafür habe?

Dann also Lyrik! Das ist kürzer. Das geht geschwinder. Vielleicht wie die Futuristen? Oder die Dadaisten? Du hättest nichts von Ball, Schwitters oder Mehring lesen sollen: jetzt bist du irritiert und verwirrt und konfus und kommst nicht weiter mit deinen eigenen Gedichten. Du bist doch kein Lyriker, oder? Ein Poet vielleicht, das ja, das bist du immer, auch wenn du Prosa schreibst, aber ein Lyriker? Also wieder nichts, was sich zum Vortrag eignen würde, hier und heute.

Was soll ich lesen?

Was nur?

Lies doch etwas ganzganz Eigenes! Wozu die Vorbilder? Wozu dies Nach-Schreiben? Warum dieses imitieren und jenes paraphrasieren? Nicht: wie Beckett, wie Handke, wie Irving, wie Gogol, wie Dickens. Sondern nur: wie du, wie du, wie du. Wie du und sonst wie niemand. Das schreibst du. Und das liest du. Das nächste Mal dann. Für heute war es das wohl erst einmal.

(vorgetragen im März und April 2017, Gesellschaft für neue Literatur und Autorenforum Berlin)