/die ideen des märz (für Lisa)

werter freund ich darf sie doch gewiss so nennen wie sie vielleicht wissen werde ich im märz für einige wochen in die usa reisen wo ich a) in boston philadelphia washington new york und albuquerque konzerte geben (auf freundliche einladung der samual s murray foundation die ihnen möglicherweise etwas sagt möglicherweise aber auch nichts hauptsächlich grieg debussy bach ein wenig ravel) und mich b) von den mit einem solchen konzert natur und erfahrungsgemäß verbundenen strapazen erholen werden indem ich die wichtigsten und interessantesten aber auch obskursten und seltsamsten staaten und städte orte und landschaften denk und sehenswürdigkeiten besuchen besichtigen bestaunen will mount rushmore zum beispiel wollte ich immer einmal aus der nähe sehen und ebenso die niagarafälle und ebenso forellenfischen in amerika oder lachse

werter freund mir ist bekannt dass sie derzeit schon wieder oder immer noch (das können sie gewiss besser beurteilen als ich) an einem umfangreichen romanwerk arbeiten einem gewiss hochinteresssanten möglicherweise sogar wichtigen beitrag für die literaturgeschichte ich sehe sie direkt vor mir in ihrer behaglichen bibliothek sitzend in ihr manuskript vertieft den blick gesenkt immer wieder mut fassend in der hoffnung auf die baldige fertigstellung des werkes welches sich aber wieder und wieder verzögert wie sie mir neulich schrieben verzögert aus gründen die einzig und allen sie verstehen die einzig und allein sie etwas angehen dennoch

werter freund ein vorschlag zur güte ein wohlmeinender rat eine interessante möglichkeit ein neuer aspekt gehen sie fort von wien für einige zeit gerne überlasse ich ihnen meine wohnung mein arbeitszimmer meine bücher meine nähere und fernere umgebung

werter freund münchen scheint mir ideal um diese jahreszeit der himmel bayerischblau die menschen freundlich die maßkrüge gefüllt die frauen zeitloselegant das wetter vorösterlichföhnig nur hin und wieder fröstelt einen ein wenig der märz ist ja unberechenbar wie sie wissen ich empfehle ihnen daher

werter freund nicht nur leichte frühlings und sommerbekleidung sondern auch wärmeres für kältere tage und nächte einen pullover vielleicht eine schützende windjacke eine kopfbedeckung möglicherweise ich weiß ja nicht ob sie gelegentlich eine mütze tragen oder einen hut oder eine kappe dazu sollten sie einen wollenen schal in ihren koffer packen denn der wind bläst oft rau unterm monopteros

so zu lesen an dem an mich gerichteten brief des musikers k dessen wohnung ich vor zwei tagen mit leichtem gepäck leichten herzens sowie einem leichten ziehen in der rechten kniekehle bezogen hatte und an dessen schreibtisch ich nun saß

an diesem opulenten man möchte fast sagen ein wenig überladen wirkenden schreibtisch auf dem in der linken oberen ecke ja genau dort die trugschlußkadenz liegt besser gesagt dort hat der musiker ein offenes buch zurückgelassen für das er auf seiner ausgedehnten usatournee offenbar keine verwendung hat (wenn er es nicht vergessen hat und es nun vielleicht vermisst) ein buch mit dem titel harmonielehre des in musikerkreisen hochgeschätzten professors armin keil

nimmt man dieses buch zur hand und blättert darin entdeckt man außer der bereits erwähnten trugschlußkadenz eine modulation in die parallele durtonart gebräuchliche kadenzformen in moll

dominante akkorde und allerlei notenschlüssel sowie mancherlei chromatische und erweiterte pattern dazu komplementärintervalle und natürlich auch kirchentonarten sowie dreiklänge vierklänge und einige mißklänge die aber eher von den stürmischen winden herrühren die an den schwachen holzrahmen der fenster rütteln und die entgegen der meldung des wetterberichtes ehe noch heftiger werden

überhaupt der schreibtisch des musikers dort gibt es so manches zu entdecken seltsames verwunderliches einen locher zum beispiel ein wie sagt man so schön vorkriegsmodell in schwarz und chrom wie man es früher in den kontoren und bureaus verwendet hat zur lochung und abheftung verstaubter akten und amtlicher vermerke

dann das bild einer jungen frau vermutlich ist es die frau freundin geliebte des musikers vielleicht auch dessen schwester vielleicht auch dessen tochter wer will das wissen ich kenne k ja kaum geschweige denn seine familiären verhältnisse seine verwandschaftlichen beziehungen

diesen musiker der sich derzeit einerseits berufsbedingt andererseits zum zwecke der erholung und entspannung in new york seattle washington boston philadelphia san francisco oder weiß der teufel wo sonst noch aufhält in den usa vielleicht gemeinsam mit der frau auf dem foto in diesem fall ist sie gewiss seine frau oder freundin oder geliebte keinesfalls seine schwester und schon gar nicht seine mutter denn dazu ist sie auf dem foto zu jung

sie trägt das haar kurz und blond und wirr hängt es ihr in die stirn sie trägt eine grünweiß karierte bluse sie trägt ein lustiges hütchen sie trägt eine elegante italienische handtasche und den kopf ein wenig zu hoch vielleicht

aber das foto der frau ist nicht der einzige gegenstand von interesse auf diesem opulenten schreibtisch an dem gewöhnlich der musiker sitzt um partituren zu studieren oder libretti schubert oder bach debussy oder ravel orff oder die brandenburgischen konzerte

weitere dinge fallen dem aufmerksamen betrachter auf von denen das interessanteste gewiss nicht der in schwarzes kunstleder gebundene kalender für das jahr vierundneunzig ist und auch nicht das brillenetui und auch nicht das halb mit wasser gefüllte weinglas und auch nicht die grüne schreibunterlage

sondern dieses in einer durchsichtigen kunststoffhülle steckende und allem anschein nach noch sehr rohe und unfertige romanmanuskript (man beachte die vielen handschriftlichen vermerke und die für ein umfassendes epochales werk viel zu geringe anzahl der seiten) zu dessen fertigstellung ich auf einladung des musikers k nach münchen gekommen war

das sich aber seit meiner abreise aus wien um kein einziges wort weiterbewegt hat weil die ideen fehlen die worte sätze offenbar eine lähmung im kopf für die es mehrere ursachen geben könnte zum beispiel

das gespräch mit einem münchner bekannten aus alten tagen gestern nachmittag oder die vielen bücher im arbeitszimmer des musikers oder die gemischten fische vom grill gestern abend langusten brassen seegurken barben oder der föhn münchen an sich die inflation die rezession die translation wer weiß

das gespräch mit dem freund aus alten tagen nennen wir ihn b war zumindest ergiebiger als die gemischten fische vom grill wenn auch nicht in dem maße anregend wie die zu den gemischten fischen vom grill genossenen vier nein fünf nein sechs glas barolo

wir spazierten durch den nymphenburger schloßpark und redeten über das wetter und die statuen im park über die frauen das schreiben das arbeiten das kopfweh den alkohol die kunst die musik hitchcock truffaut und jacques tati

wir redeten über die zukunft die vergangenheit wohl auch über die gegenwart wenn auch nicht in gleichem maße erörterten ausführlich die folgen des nichtrauchens und diskutierten die qualitäten verschiedener cognacsorten

wir sprachen über graugetigerte katzen und ein haus im süden frankreichs über geld und verleger prominente autoren berühmte schriftsteller geniale köpfe kamen jedoch zu keinem abschließenden ergebnis wechselten das thema

schauten einem mann zu der rosenbeete umpflügte schauten einer frau nach die schon bessere tage gesehen hatte schauten in einen brunnen schauten dann dass wir weiterkamen denn der wind frischte auf und wolken brauten sich zusammen

sprachen über wien über münchen döblin und jahnn diverse alkoholiker und drogensüchtige über das fahrradfahren das autofahren das spazierengehen wandern reisen potsdam leipzig und prag das schloß kafka und felice im speziellen und die donaumonarchie im allgemeinen

diskutierten über verschiedene krankheitsbilder den fortgeschrittenen schwachsinn den totalen unsinn den blanken wahnsinn die paralyse die parallaxe herzrhythmusstörungen diverse traumata das alter wandernieren senkfüße wadenkrämpfe sehnenscheidentzündungen homöopathie arbeitslosigkeit kulturförderung die künstlersozialversicherung und gicht

erörterten den tod sowie seine folgen für das leben sprachen über das ableben das abtreten das aus dem leben gehen das dahinscheiden das vermodern verglichen die daten in todesanzeigen kamen dadurch unglücklicherweise wieder auf das alter und einige damit grundsätzlich zusammenhängende fragen

wechselten schnellstmöglich weil irritiert von der tatsächlichkeit des todes das thema und befaßten uns ausführlich mit der zubereitung von bratheringen mit zwiebeln und röstkartoffeln dem preis für roggensemmeln sowie einer aufkommenden genickstarre

sprachen über die vorzüge gewisser küstenlandschaften jever oldenburg harlingersiel jüst hörnum keitum ein haus am meer eine weiße holzbank im verwilderten garten ein licht im fenster ein schiff auf hoher see strandläufer muscheln seetang sprachen über immobilienpreise und putzten teils resignativ teils indigniert teils tief bewegt unsere brillen

wir verglichen äpfel mit birnen butter mit margarine dichter mit denkern unser bisheriges leben unsere statur unser aussehen unsere werke unsere träume

wir durchmaßen den nymphenburger schloßpark in seiner ganzen länge seiner ganzen breite überquerten flüsschen entdeckten chinesische goldfische und nagende eichhörnchen rotkehlchen und grünfinken buchen und birken lahme und blinde

wir rasteten auf einer bank dachten ans fickenbumsenvögeln gingen weiter trafen seltsame leute verwahrloste verkommene verlorene sprachen über die avantgarde und gute bekannte martin buber und heidegger und das kunstwerk im zeitalter seiner technischen reproduzierbarkeit

betraten die wohnung des freundes tranken grünen tee mit braunem zucker teilten apfelmarillenpflaumenplunder mokierten uns über so manches und gaben uns schließlich die hand

b blieb wo er war kratzte sich am kopf winkte mir nach schaute tolldreist drein und schloss die tür hinter mir

der ich einen weißen (auf anraten ks wegen des möglicherweise unberechenbaren märzwetters gefütterten) trench tragend in die wohnung des musikers zurückkehrte mich dort allerdings verirrte woraufhin ich die wohnung schnellentschlossen wieder verließ und tief durchatmend sowie den mantelkragen enger schließend die schellingstraße hinunter ging

unterwegs traf ich einen antiquar einen antiautoritär erzogenen einen antihelden einen connaisseur einen ladenbesitzer einen eisverkäufer rainer langhans fünf bis sechs filmregisseure studenten der mathematik der paläontologie der kunst der geschichte der medizin

diverse nichtseßhafte eine schauspielerin einen amerikaner einen ghanaer einen mozambikaner einen senegalesen einen japaner einen bierbauchigen mehrere dichter einen installateur fragwürdige subjekte zweifelhafte individuen einen kinovorführer einen russen

einen einbeinigen einen kopflosen drei vier möglicherweise sogar mehrere hirnlose einen trittbrettfahrer einen kurierfahrer dozenten historiker hysteriker einen mann aus wildbad kreuth haufenweise akademiker vor imbißbuden

geschätzte acht turnschuhträger zwei bartträger einen kofferträger zwei hosenträger einen windhund einen boxer tauben ratten pygmäen künstler ein paar kopulierende rauhhaardackel einen zwergpinscher einen barhäuptigen einen barkeeper einen blatternarbigen

eine rothaarige in schwarzen pumps eine schwarzhaarige in roten pumps eine frau die zu allem bereit war eine unverbesserliche romantikerin eine minifahrerin eine renaultfahrerin eine aufgedonnerte  eine abgetakelte eine frau von format eine schwarzgelockte eine rotlackierte ein mädchen ohne namen eine infantin eine nymphomanin eine autorin eine blumenhändlerin ein nettes mädchen eine barmherzige samariterin vom dritten orden

einen ehemals prominenten einen ukrainischen diplomaten einen dominikaner einen titelhändler eine freudianerin eine hegelianerin einen flanierer unzählige flagellanten ignoranten und alte tanten sowie vier halbkalte pizzadreiecke in sich hineinstopfende balettelevinnen sowie soldaten mit schmutzigen fingernägeln sowie den ersten geiger der staatsoper

politessen knurrten mich an süchtige bettelten mich an dubiose starrten mich an händler sprachen mich an rüpel rempelten mich an frauen in eleganten roben lächelten mich an

in der nähe der theologischen fakultät betrat ich ein öffentliches sowie übelriechendes pissoir wo ich sogleich in das urinsteinverkalkte urinal urinierte was ich unmittelbar nachdem es zu spät war bereute denn ich geriet in zwielichtige gesellschaft wurde verhöhnt verlacht verspottet

verließ das pissoir in wolkiger stimmung und mit gesenktem blick schloss den mantel rieb die brille sauber schneuzte mich kratzte mich am linken ohr dachte an den zeitplan die niederlage von reichenfels letztes jahr in marienbad und michel butor und flauberts papagei und molloy und an dante und den hummer und texte um nichts an abgeschlossene beziehungsweise verbotene handlungen

sowie an ein achtlos in der wohnung des musikers zurückgelassenes manuskript das dort einsam seiner fertigstellung harrte zu dessen zweck ich ja eigens diese denkwürdige reise von wien nach münchen angetreten hatte

ja ich hatte den eleganten bartók béla bestiegen am westbahnhof gleis sieben den bartók béla aus budapest keleti pu richtung paris über heygyeshalom und bruck an der leitha und wien und salzburg und münchen

hatte meinen koffer sorgsam verstaut den mitreisenden zugenickt einem zyniker einem phantasten einer pepitatragenden niederösterreicherin einem verarmten verhärmten und aus diesen verständlichen gründen alles andere als freundlichen ungarischen adligen mit hakennase und krummen beinen

hatte platz und den brief des musikers wieder zur hand genommen so als müsste ich meine entscheidung diesen zug bestiegen zu haben noch einmal auf ihre richtigkeit hin überprüfen den brief in dem mir k den rat gab für einige wochen nach münchen zu kommen mich bat ja ausdrücklich bat während seiner abwesenheit seine wohnung zu nutzen zu schützen zu versorgen hauptsächlich aber zu nutzen und

dort das in wien begonnene werk zu finalisieren und mich nicht allzusehr von den verlockungen verführungen vergnügungen des föhnfrühlinghaften münchen gefangen nehmen zu lassen

für einige wochen in denen k die rocky mountains besteigen wollte den central park durchqueren wollte südstaatliche menschen treffen wollte von polnischen taxichauffeuren chauffiert werden wollte den sunset boulevard entlangspazieren wollte ein konzert in der met besuchen wollte nicht zu vergessen den mount rushmore die niagarafälle wie auch immer

im bahnhof von sankt pölten hatte die streng nach weihrauch und dior duftende pepitatragende niederösterreicherin das abteil verlassen auch der zyniker war offenbar am ziel seiner bedeutungslosen reise angekommen denn

er hatte seine vertreteraktenreisetasche gegriffen mir dem phantasten und dem ungarischen aber verarmten adligen zugenickt und sich dann auf und davon gemacht in die hauptstadt niederösterreichs in der ein beleibter bischof bestimmt wer mit wem und warum und weshalb und überhaupt wie auch immer hatten

als ersatz für die pepitatragende niederösterreicherin und den zyniker zwei hoffnungslose fälle das noch immer weihrauch und diorgeschwängerte abteil betreten gefolgt vom kondukteur der die fahrscheine verlangt hatte wobei er dem armen adligen auf die füße getreten war was dem kondukteur natürlich leid tat während die beiden hoffnungslosen fälle endlich ihr schweres gepäck waffen für turkmenistan drogen für dortmund schmuggelware für einen zukunftsmarkt verbotene pornografische literatur verstaut hatten

draußen war niederösterreich vorbeigezogen aufgelassene tankstellen aufgegebene hoffnungen einsame lkws rostige traktoren idyllische weiden scheckige kühe wollige schafe silberne cabriolets verfallende hütten tüchtige bauern bellende hunde trocknende wäsche ballspielende kinder gottesfürchtige frauen mädchen mit romantischen vorstellungen schnauzbartträger aller art ausflügler exhibitionisten radfahrer deutsche touristen die donauprinzessin rapswiesen roggenfelder reben

für den wein der wachau den mir der speisewagenkellner in form eines achterls freundlich ja geradezu geflissentlich und ehrerbietig und die hacken zusammenschlagend serviert hatte während ich in der menükarte blätterte und in einem wochenmagazin mit ebenso fragwürdigem wie langweiligem inhalt die hochzeiten des prinzen die krankheiten der königin die unverschämtheiten der jugend

immer noch besser hatte ich mir gesagt als weiterhin im abteil zu dösen in gegenwart der beiden hoffnungslosen fälle des phantasten des ungarischen adligen der seine bedauernswerten mitreisenden vermutlich bereits in ein ermüdendes und nichtendenwollendes gespräch über die glorreiche und ruhmreiche und gefahrenreiche vergangenheit der ungarischen monarchie verwickelt hatte in dem er von tapferen magyaren feurigen pferden und schwarzhaarigen glutäugigen mädchen in weißen röcken erzählte die groben zwirbelbärtchentragenden stattlichen stallknechten zu willen waren nachdem sie die rösser mit hafer versorgt und die feuchtwarmen pferdeleiber abgerieben hatten heißer wind fegt über die puszta wolkenfelder machen den himmel

bayerischblau das pissoir in der nähe der theologischen fakultät lag längst hinter mir und so manche hoffnung vor mir jetzt da ich das geviert aus türkenstraße schellingstraße amalienstraße barerstraße

schon etwas besser kannte als am tag meiner ankunft ein viertel in dem man sich durchaus zu hause fühlen kann besteht es doch im wesentlichen aus antiquitätengeschäften buchhandlungen straßencafés falsch geparkten autos instituten fakultäten seminaren akademien kirchen zweifelhaften lokalitäten alten häusern mit hohen fenstern brunnen gärten etwa

dem alten nordfriedhof wo längst niemand mehr unter die erde kam wo kinder spielten mütter auf bänken saßen großmütter auf krücken gestützt die verfallenden gräber zählten clemens von waldenstein privatier träger des bayerischen verdienstordens geboren in königswinter verstorben in der hauptstadt der bewegung anno 43 freifrau gräfin notburga soviel war zu lesen der gewiss hochwohl geboren klingende nachname war durch den lauf der jahrzente im marmor verblasst

daneben hatte ein gewisser august stemmer gott hab ihn selig seine letzte ruhe gefunden ein königlichbayerischer konsistorialbeamter geboren zwölfter januar achtzehnhundertundzwei in weiden oberpfalz dahingeschieden siebzig jahre später gefolgt von seiner werten gattin gernhilde nur ein jahr danach

ich ging auf gekiesten wegen stolperte über japsende hunde bestaunte uralte eichen knorrige koniferen buschige buchen blühende linden vogelnester in urnengräbern verloschene ewige lichter traf balzaclesende studentinnen und schluckspechte frauen in bester stimmung und männer die von alten zeiten schwärmten

und betrat endlich ein café voller bebrillter und zeitunglesender und schwabinös dreinblickender individuen ein café voller schweigender schönheiten und nasebohrender kunstkenner ein café voller vollbusiger vollweiber

und bestellte einen tee aus indien ein gebäck aus frankreich schlug ein buch eines dubliner dichters auf versuchte camier zu verstehen versuchte mercier zu verstehen versuchte überhaupt watt zu verstehen bestellte einen doppelten courvoisier vsop und stellte mir ein paar grundlegende fragen

wieso und warum wann und wie wer und wozu

ließ meinen blick im raum hin und her schweifen schaute in die graugrünen augen einer blondtoupierten schaute in die blaugrauen augen einer etwas blasierten schaute in die schwarzbraunen augen einer brünetten brechtverehrerin mit couragiertem berliner akzent schaute in die leeren augen einer weithin bekannten diseuse

gab dem kokainsüchtigen kellner kühn ein zeichen zahlte zog den mantel an verließ das café betrat eine buchhandlung blätterte in blatters bestem buch und machte mich schließlich und endlich auf und davon

indem ich den bartók béla bestiegen hatte neun uhr fünf ab wien west dessen einladenden speisewagen ich erst kurz vor salzburg wieder verlassen hatte notgedrungen hatte mich doch der kellner freundlich aber bestimmt hinausgedrängt der anderen gäste wegen wie er gesagt hatte ich müsste verstehen die gäste würden ihr geschnetzeltes wollen ihr geselchtes ihr gepökeltes ihre gänsekeule ihre germknödel ihr gulyas ihren gartensalat ihre gnocchi ihr gemüse ihre garnelen

war in das noch in niederösterreich verlassene abteil zurückgegangen wo der arme ungarische adlige und die beiden hoffnungslosen fälle um viele geld tarockierten und wo auf den beiden vor einiger zeit noch freien plätzen zwei pausbäckige pastoren platz genommen hatten die mir freundlich zunickten als ich die tür zum abteil aufstieß und den fensterplatz mit der nummer dreiundachtzig eingenommen hatte den ich durch einen absichtlich dort deponierten mantel deutlich als den meinigen gekennzeichnet hatte und der deshalb auch die ganze zeit über frei geblieben war

langsam hatte der bartók béla die traurigtrüb dahinfließende salzach überquert oben die burg unten die menschen im mozarteum übten die pianisten paukisten posaunisten und ich mußte an k denken

in dessen wohnung beziehungsweise in dessen arbeitszimmer beziehungsweise an dessen schreibtisch ich mich nun eigentlich bequemen sollte nach all dem herumlaufen dem herumschauen

das wird das beste sein sagte ich mir darüber nachdenkend was wohl anzufangen sei mit dem rest des tages dem abend der nacht

zum beispiel eine frau lieben eine frau mit geheimnissen eine frau ohne charakter eine frau mit steigenden ansprüchen

oder eine stöckelschuhstragende frau eine miniberockte frau eine webpelztragende frau eine armanitragende frau eine cabriofahrende frau

oder einen film sich anzusehen einen film mit helden mit irren mit polizisten mit raufbolden mit drogenhändlern mit ignoranten mit wahnsinnigen mit raumfahrern mit orson welles mit tapferen apachenhäuptlingen mit alten nazis mit geheimen geheimagenten

einen film mit kurzen schnitten langen einstellungen verwirrenden blenden verworrener handlung verwegenen figuren möglicherweise mit buckligen und pickligen bulgarischen regenschirmmördern und englischen schönheitsköniginnen hohen herrschaften und niedrigen beweggründen oder

weiterzuschreiben das begonnene manuskript zu vollenden ganz im sinne des musikers k dessen mir eigens zu diesem zwecke zur verfügung gestellter opulenter man möchte fast sagen ein wenig überladener schreibtisch auf mich wartete wie auch immer hatte

der deutsche zöllner den ungarischen adligen die pausbäckigen pastoren die beiden hoffnungslosen fälle und mich nach den papieren den ausweisdokumenten den legitimationen und so weiter gefragt die wir alle bereitwillig vorlegten denn wir hatten ja nichts zu melden nichts zu verzollen nichts anzugeben nichts zu verbergen

der zöllner hatte die beiden hoffnungslosen fälle streng gemustert hatte der diensteifrige beamte doch schon von fällen gehört in denen harmlos und gewöhnlich scheinendes reisegepäck waffen für turkmenistan drogen für dortmund schmuggelware für einen zukunftsmarkt verbotene pornografische literatur enthalten haben soll ja solche fälle hatte es wohl tatsächlich gegeben aber

der zöllner hatte die abgegriffenen flaschengrünen und sehr wohl ein wenig verdächtig wirkenden koffer der beiden hoffnungslosen fälle nicht näher untersucht er hatte sie weder öffnen lassen noch ihren inhalt unter den peinlichen blicken der mitreisenden durchwühlt noch einzelne teile herausgenommen etwa kleidungsstücke oder toilettenartikel oder dinge des täglichen bedarfs wie etwa goldfische sextanten oder stallaktiten sondern

hatte 1uns unsere papiere nach einem kurzen vergleichenden blick auf das jeweilige in keinem fall allerdings schmeichelhafte passbild wieder ausgehändigt hatte freundlich gegrüßt ausdrücklich vor den beiden pausbäckigen pastoren salutiert und das abteil verlassen und

wir waren in einem anderen land voralpenländische idylle war ins blickfeld der reisenden gerückt mit glühenden gipfeln grünen matten grasenden kühen und kopftuchtragenden sennerinnen

und der ältere der beiden pausbäckigen pastoren hatte ein schmales brevier aus seinem talar hervorgezogen sich über die tonsur gestrichen und inbrünstig aus dem dritten korintherbrief zitiert während die beiden hoffnungslosen fälle angesichts der angespannten lage auf den faroer inseln sowie der aussichtlosen situation am golf von tongking ins politisieren gekommen waren ins diskutieren ins debattieren

auch den ungarischen adligen hatten sie dabei nicht ausgenommen für den sie inzwischen nur noch gehässige ja bösartige blicke abfällige bemerkungen und unbotmäßige verleumdungen übrig hatten noch eine stunde bis münchen hatte ich mir gesagt

dass es nun wirklich zeit wäre an ks schreibtisch zurückzukehren was ich auch tat indem ich von der schelling in die türkenstraße hineinbog von der türken in die georgen von der georgen in die adalbert von der adalbert in die adelheid und dort bis zum haus nummero acht ging

wo außer k noch ein gewisser dr z ein wie k mir sagte stadtbekannter schwerenöter und trunkenbold lebte sowie eine frau b ein dr f eine familie von d ein ingenieur aus caracas sowie das finnougrische hausmeisterehepaar m tatsachen wie ich sie unschwer der kupferfarbenen klingeltafel entnehmen konnte vor der ich ein wenig hilflos nach dem passenden schlüssel für die eingangstür suchend stand als

im selben moment ein unbedarfter unrasierter und unhöflicher junger mann allem anschein nach ein student der jurisprudenz im siebzehnten semester die haustür von innen öffnete sodass ich

seiner mißtrauischen blicke und argwöhnischen gedanken gewiss ks haus betreten konnte ohne eigentlich den passenden türschlüssel gefunden zu haben jedenfalls

war der zug endlich an den ersten ausläufern und vororten münchens vorbeigefahren und hatte kurze zeit später mit einem sanften ruck an bahnsteig drei gestoppt hier münchen hauptbahnhof münchen hauptbahnhof sie haben anschluß an

den thessalonikiexpreß über belgrad und sofia nach athen in den ice fünfhundertsiebenundsechzig nach hamburg altona abfahrt sechzehn uhr neunzehn gleis sechsundzwanzig den ic rheinpfalz nach kaiserslautern den ec dreihundertfünf über paris und ostende nach london den orientexpreß nach moskau über berlin friedrichstraße potsdam und warschau und

ich hatte mich vom ungarischen adligen den pausbäckigen pastoren den beiden hoffnungsloses fällen verabschiedet mich in meinen mantel gezwängt meinen koffer genommen ein taxi bestiegen und

mich schließlich in der wohnung des musikers k wiedergefunden eines begnadeten pianisten der einst am wiener konservatorium studiert hatte und

der zufall wollte es dass wir uns eines tages in wien begegneten genauer gesagt in der pompösen villa des grafen bloom wo k einige seiner werke vor einem illustren um nicht zu sagen eigenwilligen publikum zum besten gab

geladen waren seinerzeit unter anderem ein wohlbeleibter mit buckel und krötenblick ein pyknischer geozentriker eine dompteuse mit philosophiekenntnissen eine zigarrenrauchende kurtisane ein nobler herr mit botanisiertrommel der bekannte gehirnchirurg haubenstein entdecker des nach ihm benannten haubensteinschen mysteriums eine contessa aus ligurien ein satyr eine gescheiterte existenz aus wuppertal-elberfeld eine diakonissin sowie

ein wagnerianer eine englische zofe ein altes mütterlein drei stellvertreter ein wackerer soldat ein gynäkologe ein fachmann für mesmerismus und hypnose ein unbekannter mann aus dem kongo ein pflichtbewußter leibgardist ein logiker ein kritiker ein asthmatiker ein belgischer lyriker sowie

eine serviererin aus frankfurt an der oder eine geschichtenerzählerin aus temesvar eine alte hexe aus samarkand eine notorische lügnerin eine waschechte prinzessin ein philatelist ein fürstbischöflicher abgesandter ein reizbares wesen sowie

ein deutscher dobermann eine gefleckte dogge ein windspiel ein rumäne ein afghane ein foxterrier ein pekinese ein reißwolf sowie

ein französischer widerstandskämpfer ein kubanischer revolutionär ein westberliner advokat ein assyrischer tierarzt ein schwitzender berber ein matrose aus gibraltar eine magersüchtige aus rothenburg ob der tauber alain resnais sowie

die crème de la crème die hautevolee die oberen zehntausend die spitzen der gesellschaft grafschaften herrschaften sirs contes diplomaten ordensträger würdenträger wohlfahrtsverbände wundverbände sowie zum ritter geschlagene sowie

diverse konkubinen statisten taschenspieler und tanzende und lachende akrobaten

parliert und konversation betrieben wurde in beziehungsweise auf babylonisch rätoromanisch kryptisch westfälisch bayrisch sächsisch wienerisch rachitisch dialektisch sowie sanskrit

die speisenfolge war ernährungsbiologisch und physiologisch gesehen mehr als ausgewogen und immens teuer gab es doch lucioperca sandra und salmo salar und barbus fluviatilis sowie leuciscus rutilis und silurus glanus und scorpaena scrofa und carcharias glaucus sowie auf wunsch pleuronectes platessa dazu

berliner amerikaner wiener frankfurter hamburger zürcher geschnetzeltes leipziger allerlei dresdner stollen marokkanisches falafel sowie

maulbeeren maulaffen schnepfen schlampen schnäpse seeigel seegras lemuren auguren hydras peleponnes grammelschmalz gedämpften kalbsnierenbraten reblauchon indischen tiger deutsche pantoffeln überbackene krawatten molusken und königsberger klöpse

die gesellschaft im hause bloom verlief genau wie zu erwarten war nämlich begleitet von allerlei ausschweifungen ausfällen pikanterien und sonstigen obskuren vorfällen von denen mir einige besonders interessante bis heute im kopf geblieben sind zum beispiel

der bandscheibenvorfall des berliner advokaten der sich ereignet hatte während k die ersten takte der kreuzersonate spielte

der erstickungsanfall des assyrischen tierarztes der offenbar durch einen im übermaß und viel zu hastig hinuntergeschlungenen barbus fluviatilis ausgelöst worden war

das duell zwischen dem pflichtbewußten leibgardisten und dem belgischen lyriker welches von dem fürstbischöflichen abgesandten schließlich mit unentschiedenem ergebnis abgebrochen worden war weil der belgische lyriker hinterrücks in einen brunnen gestolpert war und vom eilends herbeigerufenen dienstpersonal umständlich befreit werden musste

ein duell zu dem der belgische lyriker übrigens den pflichtbewußten leibgardisten herausgefordert hatte ging es doch um jene magersüchtige aus rothenburg ob der tauber die sich im blauen salon erst mit dem kubanischen revolutionär dann mit dem philatelisten und schließlich mit dem schwitzenden berber verlustiert hatte was weder dem jungen lyriker aus brugge noch dem pflichtbewußten leibgardisten so recht passen wollte dann

der streit zwischen dem foxterrier und der gescheiterten existenz aus wuppertal-elberfeld die endlosen diskussionen des pyknischen geozentrikers mit dem hirnspezialisten haubenstein über sinn und unsinn der nach meinung des pyknischen geozentrikers alles andere als bahnbrechenden entdeckung des haubensteinschen mysteriums

diskussionen in deren verlauf übrigens auch der afghane eingegriffen hatte der allerdings nicht um seine meinung gebeten worden war weshalb dieser von jenem und jener von diesem verprügelt worden war was

auf den weiteren verlauf des festes insofern auswirkungen hatte als dass k vollends aus dem konzept kam und der geschichtenerzählerin aus temesvar in das offen gesagt tatsächlich recht freizügige dekolleté gegriffen hatte was

wiederum den noblen herrn mit botanisiertrommel auf den plan gerufen hatte der k in fließendem kryptisch nachdrücklich aufforderte seine finger wieder den tasten des pianos zu widmen dann

die ebenso hemmungs wie bodenlosen ausschweifungen der statisten und konkubinen zu denen es vor allem im weitläufigen vom englischen architekten archibald archer gestalteten garten der villa gekommen war wobei dort unter palmen und pappeln sowohl kopulationen als auch populationen sowie ausgeprägte modulationen stattfanden

hatte das ganze ein böses ende genommen daran konnte auch die tatsache nichts ändern dass sich der schwitzende berber ob der zuviel gegessenen maulaffen mitten in der bibliothek des hauses bloom übergeben mußte die

so ganz anders gestaltet war und so ganz andere werke enthielt als die bibliothek in der wohnung des musikers k die sich einerseits auszeichnete durch

ein musikzimmer mit flügeltüren und steinwaypiano einer mahlerbüste einem metronom einem notenständer einem beethovenbild diversen notenblättern orffschem spielwerk einem verwelkten veilchen einer halbvollen flasche veuve cliquot sowie andererseits durch

die bereits erwähnte umfangreiche bibliothek im arbeitszimmer in dem sich auch der opulente und meiner meinung nach etwas überladene schreibtisch befand von dem k meinte er würde sich zur fertigstellung des begonnenen manuskripts bestens eignen zumal seine bücher ja bände sprächen und aus diesem grunde anregend und motivierend auf mich wirken sollten und

tatsächlich gab es dort unzählige folianten vergessene werke seltene erstausgaben bibliophile schätze fluss ohne ufer von caligari bis hitler die blaue villa von hongkong negative dialektik der jargon der eigentlichkeit am nullpunkt der literatur langsame heimkehr stiller tractatus logico philosophicus phänomenologie des geistes paris rom oder die modifikation handbuch der klavierliteratur zu zwei händen die grundbegriffe der metaphysik die kapuzinergruft herr puntila und sein knecht matti das kalkwerk studien zur ikonologie und auf der suche nach der verlorenen zeit

machte ich mich nun endlich an ks opulentem schreibtisch sitzend und auf die ideen des märz hoffend daran das in wien begonnene manuskript endlich zu vollenden