/Der Taube, der Höfliche, der Dumme und der Belgier

Der Taube ist klein und schmächtig. Er trägt einen silbrigen Bart und eine randlose Brille. Sein Gang ist gebückt. Seine Stimme ist leise. Seine Bewegungen sind fahrig. Sein ganzes Äußeres wirkt, als wolle er, dass ihn niemand wirklich wahrnähme. Der Taube hört so schlecht, dass die Gäste des Kaffeehauses ihre Wünsche immer dreiviermal wiederholen müssen, bis sie der Taube endlich verstanden und die abgegebenen Bestellungen mit kritzeliger Schrift seinem schmalen, abgegriffenen Papierblock anvertraut hat.

Der Höfliche dagegen ist lang und dürr. Sein Gehör ist ausgezeichnet. Meist trägt er weiße Schuhe und Hosen mit Pepitamuster. Auch er hat eine Brille. Allerdings ist die Brille des Höflichen nicht randlos wie die des Tauben. Sondern schwarz mit sehr dicken Brillengläsern. Der Höfliche ist etwas jünger als der Taube. Seine Bewegungen gleichen denen eines Wiesels. Der Höfliche heißt deshalb der Höfliche, weil er die Gäste stets freundlich begrüßt und die Bestellungen mit Höflichkeitsfloskeln wie „Bitte der Herr“, „Das Kalbsbeuscherl, der Herr“ oder Das Gulyás, bittesehr, die Dame“ kommentiert, ja geradezu genussvoll untermalt.

Zwischen dem Höflichen und dem Tauben scheint es eine Art von stiller Übereinkunft zu geben: Je leiser, je ruhiger und unauffälliger sich der Taube den Gästen gegenüber verhält, desto lauter und aufdringlicher lässt der Höfliche seine Höflichkeitsformeln ertönen.

Es scheint, als würden sich der Taube und der Höfliche nicht besonders gut leiden können. Denn nur selten sieht man sie ein Wort miteinander wechseln.

Auch hält sich der Taube immer bewusst abseits, wenn der Höfliche an seinen freien Tagen in das Kaffeehaus kommt, um an einem der beiden Billardtische eine Runde Pool zu spielen. Ein ganz ungewohnter Anblick übrigens, weil der Höfliche dann gewissermaßen als Gast und nicht als Ober im Kaffeehaus anwesend ist und weil er zu diesen Anlässen – entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten – keine weißen, sondern dunkelbrauen Schnürschuhe, enge schwarze Hosen und ein zweireihiges Sakko trägt, ganz so, als wäre er der Herr Doktor oder der Herr Kommerzialrat und nicht der Kellner, den man den Höflichen nennt.

Mit dem Belgier versteht sich der Taube allerdings sehr gut. Oft sieht man die beiden beieinanderstehen. Sie lachen dann und unterhalten sich. Wobei der Taube immer ganz nah an den Belgier herantritt, um nur ja kein Wort zu überhören, und der Belgier im Gegenzug sehr laut und mit etwas übertrieben wirkender Deutlichkeit direkt in das linke, offenbar noch etwas besser funktionierende Ohr des Tauben spricht.

Natürlich kommt der Belgier nicht aus Belgien, sondern stammt aus Favoriten. Aber: In seinem Leben als Kellner war der Belgier sehr viel in der Welt herumgekommen. Deutschland. Schweiz. England. Und eben auch Belgien, wo er fünf Jahre in Brüssel lebte und in einem (damals wohl berühmten) Muschelrestaurant namens „Mes Amis“ als Chef de rang gearbeitet hatte.

Der Belgier hat eine breite und kräftige Statur. Seine Bewegungen sind stets korrekt und maßvoll. Die Bestellungen der Gäste nimmt er ruhig entgegen, wiederholt sie leise, ohne sie aufzuschreiben. Er hat ein gutes Gedächtnis. Manchmal gibt der Belgier französische oder flämische Ausdrücke zum Besten, wenn er sich, was allerdings nur sehr selten vorkommt, eine kleine Weile mit den Gästen unterhält. In solchen Momenten umweht den Belgier ein Hauch von Abenteuer und weiter Welt. Man sieht ihn dann direkt vor sich, wie er, ein junger Mann von zwanzig Jahren, mit einem braunen abgewetzten Koffer in der linken Hand, an der Brüsseler Gare du nord ankommt, den Bahnsteig entlanggeht, um dann mit der Metro zur Grande Place zu fahren, wo er in einer kleinen Seitengasse das „Mes Amis“, seinen neuen Arbeitsplatz, zu finden gedenkt.

In Wien hatte der Belgier alles zurückgelassen: Seinen Vater, einen kleinen Beamten der österreichischen Bundesbahn, seine Schwester Agnes und seine kleine Freundin Sidonie, die ihm am Westbahnhof mit Tränen in den Augen nachgewunken hatte. Ich muss hinaus in die Welt, hatte er damals gesagt. Aber ich werde zurückkommen. Bestimmt.

In seinem erlernten Beruf, Kellner, war es seinerzeit durchaus üblich in die Welt hinauszuziehen, zu lernen, und häufig den Arbeitsplatz zu wechseln. Menschenkenntnis ist das A und O des Kellnerberufs, pflegte der Belgier zu sagen, und wo lernt man die Menschen besser kennen, als draußen in der Welt, fernab der Heimat? An dieser Stelle mischt sich oft der Dumme ein, wie der Taube, der Höfliche und der Belgier Kellner in diesem Kaffeehaus, allerdings weniger aus Passion, denn aus reinem Zweckdenken. Kellnern, Dienen und Bedienen, das war für den Dummen ein Beruf wie jeder andere. Wozu braucht’s da Menschenkenntnis? Kein Wunder, dass sich der Belgier (und der Taube, der zum Belgier hielt) und der Dumme (natürlich Seite an Seite mit dem Höflichen) von Zeit zu Zeit in die Haare gerieten. Die Gäste des Kaffeehauses merkten dies dann weniger an lauten Wortwechseln als vielmehr daran, dass sie auf ihre Bestellungen etwas länger warten mussten als sonst.

Der Dumme, er ist in der Neubaugasse aufgewachsen und später mit den Eltern in den 9. Bezirk übersiedelt, hat Wien so gut wie nie verlassen. Lediglich einmal war er in Baden und zweimal in Krems, wo er eine alte Tante besucht hatte. Ansonsten bewegte sich der Dumme – und das nunmehr dreiundsechzig Jahre alte Leben des Dummen – auf genau abgezirkelten Pfaden zwischen dem 9. Bezirk, wo er allein in einer kleinen Gemeindewohnung lebte, und dem 13. Bezirk, seinem Arbeitsplatz, dem Kaffeehaus.

Da ist es wohl kaum verwunderlich, wenn der Dumme mit solch weltläufigen Orten wie Gare du nord oder der Grande Place oder dem Park von Tervuren relativ wenig anzufangen wusste. Dem dummen war’s gleichgültig. Soll er doch herumgekommen sein in der Welt, der Belgier! Er ist schließlich doch wieder hier im 13. Bezirk, hier im Kaffeehaus gelandet! Wozu also wegfahren, verreisen, alles zurücklassen? Wozu das alles? Der Dumme drehte sich um, wickelte sein weißes Serviertuch entschlossen um seinen rechten Arm und ging zur Ausgabetheke in der Küche.

Der Höfliche dagegen war eifersüchtig auf den Belgier. Denn wie der Belgier hatte auch der Höfliche schon einmal im Ausland gearbeitet. In München. Als Aushilfskellner in einem großen Lokal in der Nähe des Bahnhofes. Natürlich: Dort war nicht so sehr die große Welt zuhause als vielmehr die Welt der Diebe, Hehler und Zuhälter. Das Lokal, in dem der Höfliche damals gearbeitet hatte, erwies sich tatsächlich als Brutstätte des Verbrechens. Als Sumpf der Großstadt, in dem sich Tag für Tag und Nacht für Nacht allerlei Strandgut der Gesellschaft einfand. Und beinahe wäre auch der Höfliche in diesen durchaus faszinierenden Strudel der Kriminalität geraten, hätte ihn nicht einer seiner entfernten Verwandten, ein Onkel aus Stadlau, eines Tages wieder nach Wien zurückgeholt.

Der Taube hegte für den Belgier offene Bewunderung. Brüssel. Die feine Weltstadt. Die verschwiegenen Gassen mit ihren einladenden Lokalen. Die blauweißgestreiften Markisen. Im Sommer die Bistro-Tische auf den Gassen vor den Lokalen. Das sonnenheitere Geklapper der Tassen und Teller, Gläser und Bestecke. Die gutgekleideten Damen. Die Welt der Adligen. Der Fürsten. Der Gourmets. Das Atomium in der Ferne am abendgrauen Horizont. Die großen Parkanlagen. Die Rue du Taverniers mit ihren einladenden Geschäften für den gehobenen Geschmack.

Der Taube konnte dem Belgier stundenlang, oder besser, in Anbetracht der angestrengten Arbeitssituation im Kaffeehaus, die nur wenige Pausen zuließ, minutenlang zuhören, wenn er von den verschiedenen, über halb Europa verteilten Restaurants, Bistros und Kaffeehäusern berichtete, in denen er seinem Beruf schon nachgegangen war. Dem Tauben war es egal, ob es sich dabei um Belgien handelte oder um die Schweiz oder um England. Die Erzählungen des Belgiers färbten den grauen Alltag des Tauben. Entführten ihn für Minuten, für Viertelstunden in eine Welt, die ihm unbekannt war. Denn wie der Dumme war auch der Taube nicht weit herumgekommen. Gut, er hatte, bevor er hierher in das Kaffeehaus kam, in einigen mehr oder weniger bekannte, teils sogar recht guten Restaurants gearbeitet, in Wien, in Salzburg, in Bregenz. Einmal sogar in einem Alpengasthof hoch oben auf der Steinseer-Höhe. Das war in den frühen fünfziger Jahren, als noch verhältnismäßig wenig Touristen in die Berge kamen.

Seit nunmehr sechszehn Jahren war der Taube aber schon hier in diesem Kaffeehaus beschäftigt. Der Dumme brachte es sogar auf neunzehn Jahre, während der Belgier mit acht Jahren sozusagen noch immer ein Neuling war, knapp gefolgt vom Höflichen mit einer nun zwölfjährigen Dienstzeit.

Der von der Chefin sorgfältig ausgeklügelte Arbeitsplan der Kellner brachte es mit sich, dass alle vier Kellner immer abwechselnd miteinander in einer Schicht arbeiteten. In der ersten Woche bedienten der Taube und der Belgier gemeinsam in der Früh-, der Dumme und der Höfliche in der Spätschicht. In der zweiten Woche war es genau umgekehrt, in der dritten Woche teilten sich der Belgier und sein auf ihn eifersüchtiger Kollege, der Höfliche, die Spätschicht, während der Taube und der Dumme gemeinsam in der Frühschicht arbeiteten. Die vierte Woche schließlich war die psychologisch schwierigste und für die Chefin deshalb auch anstrengendste Woche. Denn da mussten der weltläufige Belgier und der Dumme eine Schicht gemeinsam bestreiten, und der Taube und der Höfliche, die sich ebenfalls nichts oder jedenfalls nicht allzu viel zu sagen hatten.

So sehr sich die Chefin, Frau Maria, auch bemühte, die einzelnen Charaktere ihrer Kellner, ihre diversen Schwächen und Vorlieben, ihre gegenseitige Zu- oder auch Abneigung, ihre Eifersüchteleien und kleinlichen Streitereien, in eine einigermaßen erträgliche Ordnung zu bringen, nie gelang es ihr wirklich, die Schichten so einzuteilen, dass alle zufrieden waren. Lediglich in der ersten Woche waren die Arbeitsschichten einigermaßen so besetzt wie sich das die Kellner wünschten. Kein Wunder, dass Frau Maria ihre vier Kellner mit verwöhnten Operndiven verglich.

Frau Maria hatte das Kaffeehaus von ihren Eltern übernommen und Mitte der sechziger Jahre neu ausmalen lassen. Das Kaffeehaus lag an einer großen Ausfallstraße, die zur Westautobahn (und so letztlich irgendwie auch nach Brüssel, London oder Zürich) führte. Es war ein sehr altes Kaffeehaus. Mit hohen Decken, großen Lüstern, Statuen auf Podesten und Stammgästen, die seit vielen Jahren hier ihr Mittagessen oder ihren kleinen Braunen einnahmen. Es gab ungefähr dreißig Tische im Kaffeehaus, davon sechs Kartenspieltische. Die meisten der Stammgäste hatten natürlich auch ihren Stammplatz im Kaffeehaus. Diese Stammplätze waren zu den betreffenden Zeiten für andere Gäste gesperrt. Das war eine eiserne Regel, an die sich jeder, Gäste wie Kellner, stillschweigend hielten. Oben auf der Empore, dort wo auch die Kartenspieltische stehen, ist zu Beispiel der Stammplatz von Dr. Horvath. Jeden Tag, kurz vor halb eins, deckt der Belgier (oder wer von den anderen Kellnern eben an der Reihe ist) den Tisch von Dr. Horvath neu, stellt Besteck, Gebäckkorb, Salz- und Pfeffer-Streuer bereit und legt eine Auswahl verschiedener Tageszeitungen dazu. Dr. Horvath hatte sogar eine eigene Kaffeehaus-Lesebrille. Er trug sie nur hier, und entsprechend deponierte der Belgier (oder einer der anderen Kellner) das abgenutzte rotbraune Etui mit der Lesebrille von Dr. Horvath jeden Tag kurz vor halb eins sorgfältig zwischen dem Gebäck-Korb und dem Stapel Tageszeitungen.

Zur Mittagszeit besuchten auch viele Schüler und Schülerinnen aus der näheren Umgebung das Kaffeehaus. Meist verbrachten sie ihre Zeit mit Hausaufgaben, Eisteetrinken und (wie üblich ins Leere führenden) Gesprächen über das jeweils andere Geschlecht.

Mit den jungen Leuten fühlte sich der Belgier am wohlsten – und er war froh, wenn er in der Frühschicht arbeiten konnte. Denn die jungen Leute kamen immer gegen Mittag, nach Schulschluss, und blieben meist eine gute Stunde. Er bediente dann noch schwungvoller als zu anderen Tageszeiten und betrachtete sehnsüchtig das eine oder andere junge Mädchen. Oft fragte er sich, ob die oder die oder die junge Dame auch noch in fünf, fünfzehn oder zwanzig Jahren hierher ins Kaffeehaus kommen würde, so wie die alte Frau Eisenstaedt, die schon seit der Zeit Stammgast ist, als er noch in der Schweiz im „Carlton“ arbeitete, und die stets rechts neben dem schmalen Durchgang zur Küche sitzt. Wie würde dann wohl das Gesicht des jungen Mädchens aussehen, das immer mit einer Freundin ins Kaffeehaus kommt und nie etwas anderes bestellt als einen Tee mit Zitrone?

Wie die Zeit vergeht, dachte der Belgier, und beim Anblick des schönen Mädchens, das da so angeregt mit seiner Freundin plauderte, erinnerte er sich zurück an seine Zeit im „Mes Amis“. Monsieur Jaques fiel ihm ein, der Oberkellner, und Madame Zeuze, die Garderobenfrau und Van Stratelen, der Chef des Lokals. Lernen Sie, junger Mann, lernen Sie hatte Van Stratelen zu ihm gesagt, dann gehört die Welt Ihnen. Worauf er ihn in die Küche schickte, wo er Jean, einen großen Schwarzen aus dem Kongo beim Geschirrabwaschen helfen musste. Jean war der stärkste Mann, dem der Belgier je begegnet war. Nicht einmal die Ringer am Heumarkt in seiner Heimatstadt Wien wären diesem Bären gewachsen gewesen. So furchterregend Jean auch aussah, so nett und freundlich war er zum Belgier. Jean half ihm, sich in der großen Stadt zurechtzufinden, und oft gingen sie nach der Arbeit auf ein kühles „Stella Artois“ in die nahegelegene Brasserie „Bleumel“. Jean erzählte dann vom Kongo. Und der Belgier hörte mit großen Augen und noch größeren Ohren zu. Der Kongo, der ist schwärzer noch als ich, sagte Jean, schwarz wie die Nacht und schön wie eine Königin.

Jahre später erfuhr der Belgier, dass Jean von einem Lastwagen auf der Rue Balzac überfahren worden war. Die Garderobiere aus dem „Mes Amis“, Madame Zeuze, hatte es ihm geschrieben, als er längst schon in London war. Der Unfall war passiert, nachdem Jean mit einem anderen Mann in Streit geraten war. Offenbar ging es bei diesem Streit um die politische Zukunft der belgischen Kolonien in Afrika. Jean, kräftig wie er war, hatte den Mann niedergeschlagen und war dann, auf der Flucht vor den von Passanten herbeigerufenen Flics, über die Grande Place zur Rue Balzac gelaufen. Und dort hatte ihn ein Lastwagen gestreift. Ausgerechnet ein Lieferwagen der „Stella Artois“-Brauerei, deren Bier Jean und der Belgier so gerne getrunken hatten. Er erinnerte sich, wie er an jenem Abend geweint hatte. Er war gerade vom Dienst im „King’s Restaurant“ nach Hause gekommen. Er wohnte damals in einem kleinen Mansardenzimmer in der Letham Street, Ecke Milton Road. Als er die Tür zu seinem Zimmer öffnete, lag der Brief von Madame Zeuze vor ihm auf dem Fußboden. Lieber Ludwig, begann der Brief, denn Ludwig, so hieß der Belgier.

Der Belgier stellte eine Melange auf den Tisch vor den Herrn Diplom-Ingenieur. Wie geht es uns heute, Ludwig? fragte der Herr Diplom-Ingenieur. Und Ludwig fragte zurück, ob er, der Herr Diplom-Ingenieur, nicht auch fände, dass die Zeit in diesem Jahr noch schneller verging als im letzten? Eine Frage, die der Herr Diplom-Ingenieur mit einem Nicken bejahte und ein „Sie sind ja noch jung, Herr Ludwig“ hinzufügte.

Jung, jung! Was heißt das schon! Jung ist sie dort, dachte Ludwig und blickte hinüber zu dem Mädchen am Fenster. Jung war ich damals im „Mes Amis“ und in London und in der Schweiz.

In einer Stunde würde die Frühschicht zu Ende sein, die er sich in dieser Woche (was für ein Glück) mit dem Tauben teilte. Eigentlich kannte er den Tauben kaum, dachte der Belgier, dabei sind wir nun schon acht gemeinsame Jahre hier in diesem Kaffeehaus damit beschäftigt, den Gästen ihre Melange oder ihren Tagesteller oder ihr Achterl Wein zu servieren. Wie die Zeit vergeht!

Der Taube bediente heute oben auf der Empore. An den Spieltischen herrschte reger Betrieb. Kolberger, Bauer, Hoziel und Winterstein spielten Bridge. Dr. Anders und der Geheimrat grübelten über einer Schachpartie. Daneben lief eine Runde Tarock mit drei jüngeren Leuten, die weder der Taube noch der Belgier je zuvor hier im Kaffeehaus gesehen hatten.

Die jungen Leute machten sich über den Tauben lustig, weil der so schlecht hörte, und entgegen allen sonst in diesem – wie auch in anderen Kaffeehäusern der Stadt – üblichen Gepflogenheiten, benahmen sich die drei jungen Leute laut und unflätig.

Schon blickte Frau Eisenstaedt strafend und böse von ihrem Stammplatz rechts neben dem schmalen Durchgang zur Küche nach oben zum Spieltisch, wo die jungen Leute lärmten.

Als der Taube an ihrem Tisch vorüberkam, zupfte Frau Eisenstaedt, eine ehemalige Modistin, ihn am Ärmel: Kein Benehmen, diese Leute. Wie bitte, gnä‘ Frau? fragte der Taube , sich weit nach vorn zur Eisenstaedt beugend. Kein Benehmen! Der Taube nickte zustimmend und notierte die Bestellung der alten Dame, die er seit sechzehn Jahren bediente: einen Mokka und einen Cognac.

In der Küche, bei der Ausgabetheke, stand der Belgier und verschnaufte gerade ein wenig. Der Taube stellte sich zu ihm, bestellte den Mokka und den Cognac für Frau Eisenstaedt, zwei Menü, vier Seidel Bier und eine Melange für oben und schimpfte dann über die jungen Leute am Spieltisch. Warum hab‘ ausgerechnet ich immer solche unmöglichen Gäste? Du musst zugeben, sagte der Belgier laut zu seinem schwerhörigen Kollegen, dass nur sehr selten solches Gesindel den Weg zu uns findet, die gehen bestimmt bald wieder.

Der Belgier konnte diese arroganten, dummen jungen Leute nicht leiden, die hierher kamen, um mit ihrem Lärm und flegelhaften Benehmen das in Jahren wohlgeordnete stille Gefüge seines, jawohl, seines Kaffeehauses so nachhaltig zu stören.

Nur einmal, erinnerte er sich, war er mit Gästen in Streit geraten. Das war in London gewesen, und ist nun bald zwanzig Jahre her. Er bediente damals im „King’s Restaurant“, einem sehr feinen Lokal. Die meisten Gäste dort arbeiteten an der Börse. Es war Mittag, und das Lokal war bis auf den letzten Platz besetzt. Er kam mit dem Aufnehmen der Bestellung und dem Servieren kaum nach. Ein Pint, bitte! Das Tagesmenü! Ein Stout! Einen Weißwein! Ist die Scholle auch frisch? Wo bleibt die Suppe? Von überall her schallten Bestellungen auf ihn ein. Wo sein Englisch doch noch immer sehr zu wünschen übrig ließ. Aber er bemühte sich fleißig, und seine netten Kollegen, allen voran der alte George, halfen ihm, wo sie nur konnte.

Und dann passierte es. Ausgerechnet bei Chester Owen, diesem Schönling und Stammgast des Hauses, einem fiesen Emporkömmling und ausgemachten Schlitzohr. Ludwig, damals gerade vierundzwanzig Jahre alt und noch reichlich unerfahren im Umgang mit den Reichen und Schönen dieser Welt, ließ eine Karaffe Weißwein fallen. Genau auf den Tisch von Chester Owen. Bang! Für fünf unerträgliche Sekunden war es mucksmäuschenstill im „King’s“, und alle Gäste, so schien es Ludwig, starrten herüber zum stadtbekannten Chester Owen, dessen Foto erst gestern wieder den Wirtschaftsteil der „Times“ zieren durfte und diesem jungen, ungeschickten AUSLÄNDER, der nichts anderes im Sinn hatte, als guten alten Soave auf Mister Owens Tisch zu verschütten! Der Belgier sah es noch wie heute vor sich: Das Gesicht von Chester Owen, den alten George, der ihm zu Hilfe geeilt war, sich selbst, wie er am Boden unter Chester Owens Tisch kauerte und den Weißwein zwischen dessen Beinen aufzuwischen versuchte. Natürlich kam es dann zu einem heftigen Wortgefecht, aus dem der Belgier als eindeutiger Verlierer hervorging. Zwar verteidigte er sich unter Hinweis auf den Betrieb im Lokal, seine Jugend und Unerfahrenheit, aber Owen ließ sich auch vom alten George, obwohl er den ja schon seit Jahren kannte, nicht davon abhalten, Mister Heseltine, den Manager des „King’s“ rufen zu lassen. Glücklicherweise mochte auch Mister Heseltine Chester Owen nicht besonders, und so ging die Geschichte für den Belgier einigermaßen glimpflich aus.

Der Taube nahm das Tablett mit dem Mokka und dem Cognac und den anderen Bestellungen und ging wieder hinein zu seinen Gästen. Der Belgier trank ein Glas Mineralwasser, nickte Frau Maria, die hinten in der Küche stand, freundlich zu, und zog dann sein Kellner-Jackett aus. Die Frühschicht war zu Ende. Er (und der Taube) konnten nun nach Hause gehen, während für den Höflichen und den Dummen die Spätschicht begann, die bis dreiundzwanzig Uhr dauern würde.

Der Belgier wohnte im 8. Bezirk. In der Laudongasse. Wie seine drei Kollegen lebte auch der Belgier allein. Liebe, hatte er das eigentlich je kennengelernt? Da war die Sidonie, die ihm am Westbahnhof nachgeweint hatte, damals als er wegging von Wien. Er hatte Sidonie nie vergessen. Auch wenn er sie seit damals nicht mehr wiedergesehen hatte.

Damals war alles so schnell gegangen. Der Abschied von Zuhause, von Sidonie, von Wien, seinen vertrauten Gassen und Plätzen, seinen Freunden. Und ob das mit Sidonie je mehr war als eine Laune der Jugend, das wusste der Belgier bis heute nicht.