/Aus dem Nichts kann man alles machen kann man aus dem Nichts

Er ging also endlich daran, einen Text aus dem Nichts zu schaffen.

Einen Text aus dem Nichts: aus dem Nichts einen Text.

Die lange Phase des Zögerns, der Unentschlossenheit war vorüber.

„Ich war unproduktiv“, hatte er zu sich selbst gesagt. Doch nun war er in jene Phase eingetreten, von der er wusste, dass sie irgendwann einmal, und vielleicht sogar noch rechtzeitig, kommen würde. Er würde die Leere überwinden, Schritt für Schritt, angesichts der Aufgabe, die vor ihm lag, ein bemerkenswerter Akt der Entschiedenheit.

Inzwischen war es allerdings auch höchste Zeit. Denn diejenigen, die den Text von ihm wollten, kannten keine Gnade. Er musste den Text, der aus dem Nichts entstehen sollte, an einem ganz bestimmten Tag zu einer ganz bestimmten Uhrzeit abliefern, nämlich bis Mitternacht dieses betreffenden Tages. Nicht eine Minute später. Andernfalls hätte er mit Sanktionen zu rechnen, über dessen Art und Schwere man ihm allerdings kein Wort gesagt hat. Dass man ihn über diese wichtige Sache im Unklaren ließ, ärgerte ihn, war aber offenkundig Teil einer (ihrer) Strategie. Übrigens war auch die Anzahl jener Zeichen begrenzt, die ihm zur Erstellung des Textes zugestanden wurde: neuntausend. Er konnte also nichts anderes tun, als sich in das Unvermeidliche fügen. Warum man ausgerechnet ihn für diese Aufgabe ausgewählt hatte, wusste er nicht. Auch nicht, ob er der einzige war, oder ob noch andere damit zu tun hatten. Doch das musste ihm egal sein.

Das Nichts, das man ihm zur Verfügung gestellt hat (ihm und den anderen womöglich ebenfalls), ist eine rechteckige, in Maß und Gestalt offenbar genau definierte Fläche. Diese Fläche ist leer und weiß und an den Rändern scharf begrenzt. Oben, unten, links, rechts. Scharf begrenzt also, wie abgeschnitten. Ein Feld, weiß und rechteckig, ansonsten ohne jede weitere Besonderheit. Vielleicht handelt es sich um eine Art Spielfeld? Das wäre möglich. Vermutlich ist es ein für den oben genannten Zweck genau definiertes Gebiet. Fest steht: Diese Fläche ist leer. Doch halt: Hier hat sich bereits ein Fehler eingeschlichen. Sie war leer. Denn inzwischen hat sich dieses Feld schon ziemlich angefüllt, mit den ersten Buchstaben und Zeichen des Textes, der aus dem Nichts entstehen soll, ein Text aus dem Nichts, aus dem Nichts ein Text, der höchstens neuntausend Zeichen umfassen darf.

Er fragte sich, was das überhaupt für ein Text sein sollte? Vielleicht ein Brief? Ein persönliches Schreiben? Aber an wen sollte sich dieses Schreiben richten, wenn nicht an die Auftraggeber selbst? Wer würde sich sonst für einen solchen Text interessieren? Er überlegte weiter. Vielleicht eine Abhandlung? Ein Aufsatz? Auch das erschien ihm fraglich. Denn wo wäre die wissenschaftliche oder sonst von irgendjemandem definierte Grundlage für einen Text dieser Art? Er fragte sich, was mit dem Text erreicht werden sollte? Sollte der Text informieren? Kommentieren? Belehren? Was sollte er zum Ausdruck bringen? Sollte mit dem Text etwas festgelegt werden? Sollte der Text zu etwas auffordern?  Sollte der Text unterhalten? Sollte sich der Text innerhalb eines definierten Rahmens bewegen? Einen Rahmen, über den hinaus man kein Wort verlieren durfte? An den man sich unbedingt zu halten hatte? Man hatte ihm nichts darüber mitgeteilt. Ein sachlicher Text? Ein prosaischer Text? Ein poetischer Text? Er hatte nicht die geringste Ahnung. „Ich weiß nichts“, sagte er zu sich selbst. Offenkundig gab es keine bestimmten Vorschriften, Normen, Regeln, Standards oder Weisungen. Keinen Frame. Keine Anleitung. Nichts. Trotz allem wagte er sich immer weiter vor in diese weiße Wüste. Packeis, dachte er, ich stecke im Packeis fest, komme keinen Schritt voran, dachte er, wie soll ich dieser Leere entkommen?

War er zunächst davon ausgegangen, dass die weiße Fläche, die sich vor ihm ausdehnte, relativ gesehen eher klein war, so musste er jetzt feststellen, dass sich das fragliche Gebiet mit dem Fortschreiten und Fortschreiben des Textes immer weiter ausdehnte. Womöglich handelt es sich um ein riesiges, unüberschaubares Territorium, dachte er, nun schon unsicherer bei der Frage, wo das Ganze denn hinführen sollte. Hatte er überhaupt genug Worte zur Verfügung? Neuntausend Zeichen: Das ist einerseits viel, andererseits wenig. Angesichts der Schwierigkeit der gestellten Aufgabe, kam es ihm vor, als würden ihm die Worte fehlen, oder als würden ihm die Worte ausgehen. Als wenn nichts da wäre, als wenn da nichts wäre.

Er musste lachen: Aus dem Nichts kann man alles machen kann man aus dem Nichts. Das kam ihm merkwürdig vor.

Er fragte sich: Muss der Text mit anderen Texten kompatibel sein? Oder für sich bestehen? Für sich selbst sprechen?

Er fragte sich, ob er eine bestimmte Botschaft verbreiten sollte? War er vielleicht Teil einer gewaltigen Sprachproduktionsmaschinerie? Womöglich gehört er in den Kontext einer bestimmten Forschungsarbeit? War er womöglich einer der vielen Textgeneratoren, von dem in der letzten Zeit so viel die Rede war? Menschen, die wie er mit der Produktion von Sprache beauftragt waren, ohne dafür angemessen entlohnt zu werden. Wie viele mag es von dieser (seiner) Sorte geben?

Er war sich sicher, dass der Text nur von den Auftraggebern selbst gelesen werden würde. Von niemandem sonst. An eine weitere Verbreitung war nicht gedacht. Oder?

Fest steht, dass es sich bei dem Text, den er gerade aus dem Nichts generierte, um eine Äußerung handelt. Um eine Äußerung seiner selbst. Seines Selbst. Von ihm selbst. Durch ihn. „Ich äußere mich“, sagt er laut vor sich hin. Es standen ihm also wohl doch Worte zur Verfügung, Worte, Begriffe, Bezeichnungen für Bestimmtes und für Unbestimmtes. Was aber sollte er mit diesen Worten anfangen? Welche Sätze sollte er daraus bauen? Aus dem Nichts? War das überhaupt möglich?

Er fragte sich: Sollte der Text für einen bestimmten Inhalt stehen? Sollte der Text etwas bedeuten? Oder keine Bedeutung haben? Ein Text aus dem Nichts kann keine Bedeutung haben, sagte er sich, weil das Nichts ja keine Bedeutung hat, sonst wäre es nicht nichts, sondern alles. Und wenn schon nicht alles, dann doch sehr vieles, fast alles gewissermaßen, aber nicht nichts. Oder?

Er überlegte weiter: Auch wenn man etwas sagt oder schreibt, kann man nichts sagen oder nichts schreiben. Das passiert jeden Tag. Dass einer nichts sagt, obwohl er etwas sagt oder sich sonst in irgendeiner Form äußert, dass einer etwas sagt und doch nichts sagt, durch einen Post zum Beispiel oder einen Kommentar oder einen Tweet. Da ist dann etwas, und es ist doch nichts da. Nichts da! Das passiert jeden Tag, dachte er sich, während es weiter ging durch dieses große weiße, sich immer mehr ausdehnende Areal.

Das Gebiet kam ihm vor wie ein Freiraum, ein Raum, der sozusagen zur freien Verfügung stand, der ihm zur freien Verfügung stand, obwohl er sich alles andere als frei fühlte. Die Auftraggeber saßen ihm im Nacken, sie wollten einen Text aus dem Nichts von ihm, das war viel verlangt, das Spielfeld, der er zu diesem Zweck benutzen sollte, machte auf den ersten Blick einen ganz und gar harmlosen Eindruck, aber das Gegenteil war der Fall. Auf welches Spiel hatte er sich da eingelassen? Die Sache konnte womöglich gefährlich werden. Ein Spiel, bei dem es um nichts, aber letztlich doch um alles geht?

Aber weiter. Es nutzte ja alles nichts. Was vor ihm lag, war unbekanntes Terrain. Seine Erforschung erfordert Mut. Hatte er den? Vielleicht würde er auf halber Strecke kehrt machen? Immerhin wäre das besser als nichts.

Er warf einen Blick zurück: Die zu Beginn noch vollkommen leere Fläche, die hinter ihm lag, war nun schon zu einem guten Teil ausgefüllt. Mit Buchstaben und Zeichen, Worten, Sätzen. „Das ist beruhigend!“, sagt er laut vor sich hin. Was aber, fragte er sich erneut, wenn mir unvermittelt die Worte ausgehen? „Ich darf nicht verstummen!“, sagt er laut vor sich hin. Was für einen Sinn hat es, sich mit dem Nichts zu beschäftigen? Hatten die Philosophen dazu nicht schon alles gesagt?

Er fragte sich: Habe ich etwas zu sagen? Oder habe ich nichts zu sagen?

Das müssen die Auftraggeber entscheiden. Es lag nicht in seiner Hand, darüber zu befinden.

Er machte also weiter. Das war gar nicht so einfach. Denn woher soll die Motivation kommen, wenn es um Nichts geht? Aus dem Nichts kann ich nichts machen, dachte er jetzt, ein wenig frustriert. Doch seine Auftraggeber waren offenbar anderer Meinung. Sie hatten das Nichts über alles gestellt und wollten nichts anderes, als einen Text aus dem Nichts. Er musste nach Worten suchen. Sich in irgendeiner Form ausdrücken. Formulieren. Gestalten. Die Leere füllen. Aus dem Nichts etwas machen. Und während er sich noch fragte, hatte er den Text, den er aus dem Nichts erschaffen musste, beendet. Pünktlich. Was werden die Auftraggeber dazu sagen? Werden Sie sagen: Das ist doch nichts? Er wusste es nicht. Er wusste nur, dass der Text sein Ende erreicht hat. Mit dem Schlusspunkt als neuntausendstem Zeichen.